Amir Timur Platz
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Unabhängiges Usbekistan

Seit 1991 wurde Usbekistan zu einem unabhängigen Staat erklärt. Wer Taschkent besucht, kann dem Imperativ der Staatsführung nicht ausweichen: "Schaut auf unsere Bauten!" Das ist der erste Eindruck einer Regierungsarchitektur, die ganz unver mittelt die politischen Absichten verrät. Der Be sucher betritt die Hauptstadt und mithin die zentrale Bühne einer postsowjetischen Na tion, die sich neu definiert. Taschkent will eine moderne Stadt sein. Aber zugleich ist Taschkent eine Stadt in der Ära der Transformation und Hauptstadt eines Landes, das nach dem Zerfall der Sowjetunion den eigenen Weg beschreiten muss. Der Regierungsarchitektur fällt die Aufgabe zu, zu symbolisieren, von welcher Art der eigene Weg sein soll, wie Moderne und nationale Identität auf einen Nenner gebracht werden sollen. Die Staatsbauten demonstrieren die offizielle Geschichtspolitik, die Amir Timur zum Gründervater der Nation erhebt. Vielleicht aus der Gründen, dass die Zeit in der er gelebt hat, wird als "orientalische Renaissance" in der Weltgeschichte bezeichnet.

Am 31.8.1993 wurde auf dem ehemaligen Karl-Marx-Platz in Taschkent, der heute der Emir-Timur-Platz ist, die Statue dieses Feldherren feierlich enthüllt. Am 1. September desselben Jahres beging man den Unabhängigkeitstag zum dritten Mal. Die Feierlichkeiten auf dem Unabhängigkeitsplatz bestanden aus einem 35 Minuten langen Feuerwerk und einer dreistündigen Vorführung von Tanz, Akrobatik, Theater. Hier wurden nicht nur die usbekische Folklore in ihrer sowjetischen und postsowjetischen Fest legung vorgeführt, große Teile der Vorstellung wurden vielmehr davon eingenommen, dass tänzerisch dargestellt wurde, wie die Nachbarrepubliken und andere regionale Kulturen der usbekischen Nation huldigten und ihr Gaben darbrachten. Usbekistan wurde da bei als zentrale Kultur, quasi als Mutter der zentralasiatischen Kulturen präsentiert.

In dieser Hinsicht waren alle Veranstaltungen des Jubiläums nicht nur vom Gedenken geprägt: Die historische Rehabilitierung von Amir Timur fördert den Zusammenhalt der Gesellschaft, den nationalen Stolz und den Zukunftsoptimismus der usbekischen Menschen. "Amir Timur verehren heißt, unseren Glauben an die große Zukunft unseres Landes zu festigen, aufgrund unserer Wurzeln, die weit in der Geschichte zurückreichen, unserer Kultur und unserer Stärke", so Präsident Karimow im Oktober 1996 auf internationale Jubiläumskonferenz in Taschkent. Und um dies zu unterstützen, hatte die Regierung zu beschlossen, speziell ein Museum ins Leben zu rufen, das Material sammeln sowie die Überlieferungen des vergangenen Zeitalters studieren und verbreiten soll, die mit Amir Timur und seinen Nachfolgern zusammenhängen.

"Wenn ihr meiner Macht nicht vertraut, dann schaut auf meine Bauten!". In großen Lettern stehen diese Worte in arabischer und englischer Sprache auf der Balustrade des Timuridenmuseums. Es soll ein Zitat von Amir Timur (1370-1404) sein.

Timuridenmuseum  
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Das Timuridenmuseum steht in einem innerstädtischen Park, der in seiner Anlage die Zentralität der zaristischen Kolonialstadt verrät und an die absolu tistische Stadtplanung von St. Petersburg erinnert. Das Timuridenmuseum ist 1996 im Pavillonstil erbaut worden. Das Museum ist ein riesiges, rundes, auf einer Ebene ruhendes Gebäude, das außen mit einer weißen Säulenkolonnade umgeben ist und oben in einer rippenförmigen türkisfarbenen Kuppel endet, die die Architektur des Zeitalters der Timuriden stilisiert. Es gehört "zu den Gebäuden, mit denen das junge Nationalbewusstsein gefestigt werden soll", schreit ein Stadtführer vorsichtig. Als auffällige Zitate der historischen Architektur wären das Kranzgesims mit Stalaktitenornamentik oder die traditionell gegliederten Säulen zu nennen. Innen öffnet sich ein einziger riesiger Raum unter dem mit vergoldeten Ornamenten und Kalligraphien geschmückten Kuppelbogen - eine Mischung aus Andachtsort, gigantischem Foyer und Mausoleum. In der Mitte zu ebener Erde steht als einziges Exponat eine verkleinerte Kopie des berühmten steinernen Koranhalters vom Hof der Bibi-Xanom-Moschee in Samarkand. Darauf liegt wiederum eine Kopie der zweitältesten Koranschrift, des Osman-Korans, der sich in Usbekistan befindet. Beherrscht wird der Raum durch grosse Wandgemälde mit Szenen vom Hof Timurs im Stil orientalischer Miniaturen. Auf einer zweiten Ebene sind Ex ponate zu sehen, deren Zusammenstellung den Charakter einer populären Informations ausstellung über die Timuriden-Dynastie hat. Auf den zweiten Blick wachsen die Zweifel an dieser Traditionsbeschwörung. Man fragt sich, ob sie überhaupt eine echte Wiederbelebung auslösen kann. Das Missverhältnis von Prunk und künstlerischer Qualität irritiert. Die Mate rialien sind kostbar und teuer, aber ihre Be handlung zeugt oft von Hast, von Mängeln, die notdürftig vertuscht wurden.

steinerner Koranhalter der Bibi-Xanom-Moschee
steinerner Koranhalter
der Bibi-Xanom-Moschee
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In Gesprächen mit den verantwortlichen Architekten kann man erfahren, wie sehr der von der Politik ver ordnete Zeitdruck beklagt wird. Sie schildern Bedingungen, unter denen eine wirkliche Aus einandersetzung mit der Tradition gar nicht möglich war. Zwar werden die klassischen Themen des traditionellen Handwerks immer wieder zitiert: Steinornamente, Schnitzereien und Intarsien. Aber man gewinnt nicht den Ein druck, dass sie einer erneuerten Handwerks kultur entspringen. Vor allem stimmen die Maßverhältnisse nicht. Vieles ist offensichtlich vergröbert und wirkt wie eine Kopie, die bloß auf den Effekt berechnet ist. Häufig werden die kostbaren Materialien mit Elementen mo derner Industriekultur bedenkenlos gemischt. Im Parlamentsbau stoßen mit Marmor beklei dete Wände auf abgehängte Gipskartondecken. Reihen weißer Marmorsäulen umgürten einen Baukörper aus goldgetöntem, verspiegeltem Glas.

Auch der Umgang mit dem Raum verstärkt den Eindruck einer rein symbolischen Architekturkulisse. In den Staatsgebäuden wie dem Parlament oder dem Stadthaus begegnet man einem Übermaß an Foyers, Repräsentations räumen und zeremoniellen Treppenaufgängen, die trotz einfacher, klar gegliederter Baukör per ein Gefühl labyrinthischer Strukturen hin terlassen. Der Parlamentsbau wird von dem an eine Arena erinnernden Plenarsaal mit zwei umlaufenden Marmorbalustraden unter der riesigen türkisblauen Kuppel beherrscht, während die kleineren Säle verwinkelt, dunkel und offensichtlich bedeutungslos sind. Abgeordnetenbüros, Fraktionsräume oder Tagungsorte für Ausschüsse gibt es nicht. Zu dieser Herrschaftsarchitektur gehören noch weitere Elemente, deren Wirkung zumindest gleichrangig ist wie die Ausarbeitung und Gestaltung des Baukörpers. Das sind: Raum, Wasser und Park. Alle drei Elemente werden im Überfluss genutzt. Das Parlament steht gleichsam entrückt inmitten eines riesigen Stadtareals. Ein aufwendig gestalteter Park mit Wasserläufen, Zierbrücken, Denkmälern und verwirrenden Zufahrtsrampen umschließt im wahrsten Sinne des Wortes den Parlamentsbau. Nebenan wiederholt sich mit dem Platz der Freundschaft und einem Solitärbau aus der Breschnewzeit diese Struktur. Der Macht inszenierung durch Raumverschwendung entspricht die Inszenierung von Wasserreichtum. Taschkent nennt sich "die Stadt der tausend Brunnen".

Stadthaus
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Parlamenttagsgebäude
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