Altstadt Taschkent

Die Altstadt von Taschkent ist auch der "neuen" Regierung, die an der Macht der Unabhängigen Republik Usbekistan ist, ein Dorn im Auge und ist in ihrer Existenz bedroht. Nach dem Erdbeben von 1966 ist der größte Teil der asiatischen Stadt zerstört worden und von der sowjetischen Regierung nicht wieder rekonstruiert worden. Und auch der Rest dieser Altstadt der noch übrig geblieben ist, wurde seit dem systematisch zerstört und die organisch gewachsene Wohnstruktur der Mahallas (Nachbarschaften) durch die anonyme Plattenbaustruktur ersetzt. Dabei ging die Regierung mit der historischen Wohnbebauung nicht unbedingt behutsam um. Die systematisch geplante Neustadtstruktur der Hochhäuser steht in keinem städtebaulichen Bezug zu der kleinteiligen Teppichstruktur der Altstadt. Die Neustruktur wurde an die Grenze der Altstadt "herangebaut" ohne mit dieser in einen Dialog zu treten. Es entstanden Nahtstellen zwischen "Alt" und "Neu", die sich durch nichtgestaltete Zwischenflächen auszeichnen und Mangel an Aufenthaltsqualität aufweisen.

Plan Altstadt 1992  
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Nach einem Wettbewerb stand 1990 der Bebauungsplan des Altstadtgebietes schon fest. In diesem war es vorgesehen, die Altstadt, abgesehen von einigen religiösen Gebäuden, komplett abzureißen und die kleinteilige, verwinkelte Altstadtstruktur durch großzügige Wohnkomplexe und Sport- und Freizeitanlagen zu ersetzen. Die Ereignisse der Unabhängigkeit der Republik sind der Durchführung dieser Pläne dazwischen gekommen. So wurden die Pläne für einige Jahre auf Eis gelegt. Doch schon 1992 entfachte die Diskussion um die Altstadt erneut. Mit dem aufkommenden Autoverkehr in der Stadt, entstanden um den großen Bazar im Süden der Altstadt immer wieder Staus. Auf Grund heftiger Proteste gegen den Abriss der Altstadt, die noch nie so laut waren, sah die Regierung davon ab, die Altstadt abzureißen und begnügte sich damit, drei Nord-Süd-Achsen durch die Altstadt durchzuführen. Doch auch dieser Eingriff hat in der Altstadt einen großen Schaden angerichtet. Es mussten große Teile der bestehenden intakten Struktur der Nachbarschaften abgerissen werden. Die durchgeführten Magistralen sind für die kleinteilige Altstadtstruktur absolut überdimensioniert. Auch noch zehn Jahre danach, ist der Straßenrand nicht ausgebildet und wird nicht von einer Fassadenstruktur begleitet, sondern von Brachflächen, Baracken und provisorisch eingerichtetem Kleinhandel.

Weitere Probleme der Altstadt, die ihre Bewohner noch mehr zu spüren bekommen, ist die fehlende Infrastruktur und der Raummangel. Das sind die Hauptgründe, aus denen die vor allem junge Altstadtbevölkerung auszieht. Das Aus- und Anbauen in die horizontale Richtung ist nicht mehr möglich, so sind die Einwohner der Mahallas gezwungen in die vertikale Richtung zu bauen, in dem sie auf die bestehende Bausubstanz in der traditionellen Lehmbauweise zweites Geschoss anbauen, um dem Zuwachs der Familie Wohnraum bieten zu können. Doch das ist nur die "Notlösung", da die Usbeken sehr stark mit der Erde "verbunden" sind und immer wieder ihren Wunsch, auf der Erde zu wohnen, betonen. Dadurch erklärt sich auch ihre Abneigung gegenüber den Plattenbauten. Viele Taschkenter, die in die Neustadt umgesiedelt wurden, würden gerne wieder in die Altstadt zurückkehren, wenn sie hier nicht auf den Komfort verzichten müssten. Und das ist das zweite wichtige Problem, neben dem Platzmangel, die fehlenden Sanitäranlagen, denn die Altstadt ist immer noch nicht an die Kanalisation angeschlossen. Das größte Potential, das die Altstadt zu bieten hat, abgesehen von ihrer organisch gewachsenen städtebaulichen Struktur, ist die soziale Struktur der Nachbarschaften, die hier in ihrer ursprünglichen Form immer noch existiert und gut funktioniert. Sie trägt im Wesentlichen dazu bei, dass die Menschen, die in ihr leben, sehr stark mit ihr verbunden sind. Diese uralte Struktur der Mahallas, die sich selbst organisiert und sich wie eine große Familie um jedes einzelne Mitglied kümmert, macht den Umzug in die Anonymität der Neustadt umso schwieriger.

Magistrale, Straßenrand, Baracken
Magistrale, Straßenrand,
Baracken
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Die gewachsene Wohnstruktur der Altstadt, die mit der Zeit entstanden ist, hängt natürlich sehr stark mit der sozialen Struktur, d.h. mit diesem Selbstverwaltungssystem der Mahallas zusammen. Die Stadtstruktur wuchs mit den Bedürfnissen der Einwohner und wurde deren Bedürfnissen angepasst. Sie wurde, im Gegensatz zu dem zaristischen Stadtteil oder dem sowjetischen Stadtteil Taschkents, nie städtebaulich systematisch durchgeplant und von außen organisiert. Die Bewohner der Altstadt haben bis 1966 und teilweise bis 1992 auf Grund ihres Selbstverwaltungssystems auf ihrem territorialen Gebiet selber bestimmen können: wo, wer, was bauen darf. So entstand eine verflochtene kleinteilige Teppichstruktur mit ihren verwinkelten Gassen und introvertierten Fassaden.

Die Struktur der Nachbarschaften, die in dieser Altstadtstruktur ihren Ursprung hat, prägt ihre Einwohner stärker als man vermuten könnte. So ist diese auch in der Plattenbaustruktur der Neustadt zu beobachten. Diese ist jedoch in einer abgewandelten Form existent, da die Hochhausstruktur nicht der geeignetste Fruchtboden, auf dem sie in ihrer ursprünglichen Form wachsen kann, ist. Es ist jedoch ganz klar festzustellen, dass der Usbeke, der aus der Altstadt in die Neustadt, ob nun freiwillig oder gezwungenermaßen, umgezogen ist, das Bedürfnis hat, seine traditionelle Lebensform, die er in der alten Mahalla geführt hat, fortzuführen und versucht eine neue Mahalla mit allen ihren Organisationen zu bilden, die ihm den Rückhalt wieder gibt, den er in der alten hatte. So kann man beobachten, wie in den Neubaugebieten der Großstadt, die von ihrer Struktur für diese Lebensform absolut ungeeignet sind, in irgendeinem Innenhof eines Wohnblocks trotz allem ein provisorisch eingerichtetes mahallinisches Zentrum entsteht, mit einem Mahalla-Rat und einem Teehaus.

Strassenstruktur Gassen  
Strassenstruktur
Gassen
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Für die Altstadt von Taschkent ist es wichtig, die Frage der Existenz endgültig zu lösen. Denn das ist auch der Grund dafür, dass die Einwohner der Altstadt verunsichert sind und mit einem gewissen Ohnmachtgefühl leben, ohne genau zu wissen, ob sie nicht vielleicht schon morgen zwangsumgesiedelt werden. Bisher ist ein zurückhaltendes Verhalten der Einwohner und spärliche Bautätigkeit zu beobachten. Wenn sie endlich die Sicherheit hätten, dass die Altstadt von Taschkent erhalten wird, dann könnten sie mit der v.a. finanziellen Unterstützung des Staates, auch handeln, wozu sie freiwillig bereit sind und auf Grund ihrer Selbstverwaltungsstruktur auch in der Lage wären. Wenn ihnen Baumaterial zur Verfügung gestellt würde, könnten sie die Straßen reparieren, Grünflächen anlegen und ihre Häuser instand setzen. Da in Usbekistan das Bauwesen immer noch vom Staat kontrolliert und regiert wird, kann die Bevölkerung der Altstadt, die noch nicht gelernt hat aus eigener Initiative zu handeln, nur darauf warten, bis der Staat endlich reagiert. Das einzige jedoch, was die Regierung tut, ist, sie glänzt durch ihre Abwesenheit. Die Altstadt wird vernachlässigt und gerät in Vergessenheit. Die ganze Aufmerksamkeit wird der Neustadt und ihren monumentalen Regierungsbauten und überdimensionierten öffentlichen Plätzen gewidmet.

Natürlich ist es offensichtlich, dass die moderne asiatische Stadt nicht die kleinteilig gewachsene Teppichstruktur der Altstadt übernehmen kann, da sie große Flächen einnimmt und für eine Millionenstadt nicht durchzuführen ist. Andererseits ist der Plattenbau für das heiße Klima Zentralasiens und für die Lebensart der Bewohner nicht geeignet. Die Aufgabe der Architekten und Stadtplaner wird es sein, dieasiatische Stadt mit ihrer Mahalla-Struktur und die Lebensform der Einwohner neu zu interpretieren und eine neue städtebauliche Struktur zu entwickeln, und zu überlegen wieweit diese gezielt geplant werden.

Wohnungsbau, Lehmbau
Wohnungsbau,
Lehmbau
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Neustadt Park Navoi
Neustadt Park Navoi  

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