Taschkent Hauptstadtinszenierungen in Zentralasien Stadtnetze: Lange befand sich Taschkent unter türkischer Herrschaft, bis die Araber es im Jahr 714 besetzten und zerstörten. Im 11. und 12. Jh. dem Reich der Ilkhhane unterstellt, war Taschkent weit über seine Grenzen als ein bedeutendes Handwerker- und Handelszentrum bekannt. 1220 eroberte Dschingis Khan Taschkent, Ende des 14. Jh. Timur und im 15./16. Jh. wurde die Stadt zum Streitobjekt zwischen usbekischen, bucharischen und kasachischen Khanen. Erst unter den Schaibaniden (1512-99) konnte sich wieder ein reges kulturelles Leben entwickeln. In dieser Zeit erfuhr das Handwerk einen beachtlichen Aufschwung, und ein regelrechter Bauboom setzte ein. Eine große Anzahl von Bauwerken, die bis in die heutige Zeit überdauerten, entstammen dieser Zeit. Die sich gleichzeitig ausweitenden internationalen Handelsbeziehungen verhalfen der Stadt zu Wohlstand und Ansehen. Trotz dieses weitreichenden Handels, der sich von China über Sibirien und Osteuropa bis nach Byzanz erstreckte, konnte Taschkent jedoch niemals eine führende Rolle unter den zentralasiatischen Städten einnehmen. Nach dem Sturz der Schaibaniden-Dynastie geriet Taschkent Anfang des 17. Jh. in den Einflussbereich kasachischer Khane. 1796 konnte sich die Stadt von der Herrschaft der Dsungaren, die sich 1723 besetzt hatten, befreien und wurde Hauptstadt eines Taschkenter Staates. Dieser verfügte über ein eigenes Heer, prägte eigene Münze und war in seiner Innen- und Außenpolitik souverän. 1814 verlor Taschkent seine politische Unabhängigkeit wieder und wurde dem Khan von Kokand unterstellt. Doch bereits am 30. Juli 1865 überreichten die Stadtältesten von Taschkent dem russischen Militärgouverneur von Turkestan die Schlüssel der zwölf Stadttore, und 1867 wurde Taschkent Hauptstadt des Generalgouvernements Turkestans. Von nun an bestand die Stadt, in der auf einer Fläche von etwa 16 km² 80.000 Einwohner lebten, praktisch aus zwei Bezirken: aus der orientalischen Altstadt mit ihrem unregelmäßigen Grundriss und der nach Osten sich anschließenden, in regelmäßige Quadrate gegliederten russischen Kolonialstadt. Von 1914-24 war Taschkent Hauptstadt der Turkestanischen ASSR und löste 1930 Samarkand als Hauptstadt der Usbekischen SSR ab. Seit dem 1. September 1991 ist Taschkent Hauptstadt der unabhängigen Republik Usbekistan und administratives Zentrum des Gebiets Taschkent. In seiner gesamten Geschichte stand Taschkent immer im Schatten von Samarkand, auch als es bereits Hauptstadt war. Taschkent 1930-1989: 1865 wird Taschkent russische Kolonialstadt und löst Samarkand als Hauptstadt der usbekischen SSR 1930 ab. Die Stadt besteht zu dieser Zeit aus der orientalischen Altstadt auf der einen Seite des Anchor-Kanals, mit einer kleinteiligen verwinkelten Bebauung, und aus einer russischen Kolonialstadt, die in regelmäßige Quadrate unterteilt ist. Während der Kriegszeit verlagert die Sowjetunion ihre Flugzeugindustrie nach Taschkent, die Stadt gewinnt an Bedeutung und soll jetzt zur Metropole ausgebaut werden. 1938 wird ein Generalbebauungsplan erstellt der die Erweiterung der Neustadt und die Erneuerung der Altstadt vorsieht. Die Altstadt ist schon damals ein Problem für die Regierung. In großen Teilen gibt es bis heute keine Kanalisation. Es gibt kleine Kanäle die sowohl als Trinkwasserquelle und zum Waschen aber auch als Abwasserentsorgung genutzt werden. Die mangelnde Hygiene, die für Löschautos zu engen Strassen und später auch die Erdbebengefährdung der Lehmhäuser sind Argumente der Regierung für einen Abriss. Die Realisation des Bebauungsplans beginnt erst 1956. 1966 verwüstet ein Erdbeben große Teile der Altstadt aber auch der Neustadt, 36.000 Gebäude sind zerstört, 75.000 Familien obdachlos. Der Wiederaufbau an dem sich alle Unionsrepubliken der Sowjetunion beteiligen beginnt sofort. Teile der Altstadt, die noch stehen aber einsturzgefährdet sind, werden abgerissen. Es soll nicht nur die Stadt wiederaufgebaut werden, sie soll noch schöner und größer werden als zuvor, natürlich nach sowjetischem Vorbild. Der Chefarchitekt Adilow erklärt die neue Architektur so: jeder Architekt kann seine Idee voll verwirklichen, wodurch Formenreichtum entsteht. Die Ensemblewirkung entsteht vor allem durch den einheitlich blaugrünen Farbton mit dem eine kühle frische Oase assoziiert wird. Jede Fassade, besonders die nach Süden, ist mit einem Sonnenschutz ausgestattet. Man richtet sich dabei nach der landesüblichen Bautradition, wie zum Beispiel durchbrochener Stein, Fenster hinter Mauervorsprüngen und andere schattenwerfende Fassadenelemente. Die Plattenbauten sind um Innenhöfe angeordnet, die mit Brunnen ausgestattet wie Mirkooasen funktionieren sollen. Taschkent wird zur Stadt mit den "schönsten Plattenbauten der Welt". Da weite Teile der Altstadt zerstört sind, sind die Planer beim Wiederaufbau freier als in den Entwürfen von 1938. Es soll sich wiederholen was in der Neustadt schon entstanden ist. Breite Boulevards auf denen man zu Staatsfeiertagen Paraden abhalten kann als eine Achse und als zweite Achse der Anchor-Kanal, der mit Parkanlagen erweitert werden soll. Schnittpunkt beider Achsen ist der Leninplatz mit dem Lenindenkmal. Vorher standen um den Leninplatz herum nur einstöckige Häuser, jetzt mit dem Leninmuseum, dem Haus des Wissens, dem Regierungsgebäude, der Nawoi Bibliothek und dem Konzertsaal als Rahmen ist die alte Leninstatue zu klein und eine neue wird aufgestellt. Vom Leninplatz führt die Karl-Marx-Straße zum Platz der Revolution mit dem Marx-Denkmal vorbei am Standbild des ersten Präsidenten der UsSSR Achunbajew. Sie soll durch die usbekische Geschichte führen, die so erst mit der sowjetischen Zeit beginnt. Zahlreiche bis zu 6 Spuren breite (plus Grünstreifen in der Mitte) Boulevards werden so durch die Stadt gezogen, oft müssen Teile der Altstadt dafür weichen. Sie sollen an den wichtigen Gebäuden vorbeiführen, die Punkte der Geschichte der Stadt miteinander verbinden, doch meist sind sie so breit, dass die Stadt als Raum kaum noch wahrnehmbar ist. 1977 wurde in Taschkent die erste U-Bahn Zentralasiens gebaut. Jede Station ist sehr reich verziert, z.B. mit Marmorböden und goldenen Lüstern und ist nach einem Thema gestaltet. In den Jahren nach 1966 entstehen zahlreiche moderne Bauten die dem Volk gewidmet sind, wie z.B. das Ausstellungsgebäude des usbekischen Künstlerverbands, das Haus des Wissens usw. Wie man am Beispiel des Ausstellungsgebäudes des usbekischen Künstlerverbands sieht, besteht das Gebäude aus Fertigteilen aus Stahlbeton, was typisch für moderne, sowjetische Architektur der 60er und 70er Jahre ist. Das Besondere ist aber, dass man auf der Fassade auch Elemente traditioneller usbekischer Architektur findet, wie das Ornament und den blaugrünen Farbton. Im Gegensatz zur Altstadt, wo das Wasser knapp ist, werden in der Neustadt die Denkmäler, Plätze und Gebäude mit zahlreichen Wasserspielen inszeniert. Zusammenfassend kann man sagen, dass Taschkent nach 1930 zu einer typischen sowjetischen Metropole ausgebaut wurde. Trotzdem hat die Stadt durch das Mischen von sowjetischen und usbekischen architektonischen Elementen einen eigenen Charakter. Unabhängiges Usbekistan: Seit 1991 wurde Usbekistan zu einem unabhängigen Staat erklärt. Wer Taschkent besucht, kann dem Imperativ der Staatsführung nicht ausweichen: "Schaut auf unsere Bauten!" Das ist der erste Eindruck einer Regierungsarchitektur, die ganz unver mittelt die politischen Absichten verrät. Der Be sucher betritt die Hauptstadt und mithin die zentrale Bühne einer postsowjetischen Na tion, die sich neu definiert. Taschkent will eine moderne Stadt sein. Aber zugleich ist Taschkent eine Stadt in der Ära der Transformation und Hauptstadt eines Landes, das nach dem Zerfall der Sowjetunion den eigenen Weg beschreiten muss. Der Regierungsarchitektur fällt die Aufgabe zu, zu symbolisieren, von welcher Art der eigene Weg sein soll, wie Moderne und nationale Identität auf einen Nenner gebracht werden sollen. Die Staatsbauten demonstrieren die offizielle Geschichtspolitik, die Amir Timur zum Gründervater der Nation erhebt. Vielleicht aus der Gründen, dass die Zeit in der er gelebt hat, wird als "orientalische Renaissance" in der Weltgeschichte bezeichnet. Am 31.8.1993 wurde auf dem ehemaligen Karl-Marx-Platz in Taschkent, der heute der Emir-Timur-Platz ist, die Statue dieses Feldherren feierlich enthüllt. Am 1. September desselben Jahres beging man den Unabhängigkeitstag zum dritten Mal. Die Feierlichkeiten auf dem Unabhängigkeitsplatz bestanden aus einem 35 Minuten langen Feuerwerk und einer dreistündigen Vorführung von Tanz, Akrobatik, Theater. Hier wurden nicht nur die usbekische Folklore in ihrer sowjetischen und postsowjetischen Fest legung vorgeführt, große Teile der Vorstellung wurden vielmehr davon eingenommen, dass tänzerisch dargestellt wurde, wie die Nachbarrepubliken und andere regionale Kulturen der usbekischen Nation huldigten und ihr Gaben darbrachten. Usbekistan wurde da bei als zentrale Kultur, quasi als Mutter der zentralasiatischen Kulturen präsentiert. In dieser Hinsicht waren alle Veranstaltungen des Jubiläums nicht nur vom Gedenken geprägt: Die historische Rehabilitierung von Amir Timur fördert den Zusammenhalt der Gesellschaft, den nationalen Stolz und den Zukunftsoptimismus der usbekischen Menschen. "Amir Timur verehren heißt, unseren Glauben an die große Zukunft unseres Landes zu festigen, aufgrund unserer Wurzeln, die weit in der Geschichte zurückreichen, unserer Kultur und unserer Stärke", so Präsident Karimow im Oktober 1996 auf internationale Jubiläumskonferenz in Taschkent. Und um dies zu unterstützen, hatte die Regierung zu beschlossen, speziell ein Museum ins Leben zu rufen, das Material sammeln sowie die Überlieferungen des vergangenen Zeitalters studieren und verbreiten soll, die mit Amir Timur und seinen Nachfolgern zusammenhängen. "Wenn ihr meiner Macht nicht vertraut, dann schaut auf meine Bauten!". In großen Lettern stehen diese Worte in arabischer und englischer Sprache auf der Balustrade des Timuridenmuseums. Es soll ein Zitat von Amir Timur (1370-1404) sein. Das Timuridenmuseum steht in einem innerstädtischen Park, der in seiner Anlage die Zentralität der zaristischen Kolonialstadt verrät und an die absolu tistische Stadtplanung von St. Petersburg erinnert. Das Timuridenmuseum ist 1996 im Pavillonstil erbaut worden. Das Museum ist ein riesiges, rundes, auf einer Ebene ruhendes Gebäude, das außen mit einer weißen Säulenkolonnade umgeben ist und oben in einer rippenförmigen türkisfarbenen Kuppel endet, die die Architektur des Zeitalters der Timuriden stilisiert. Es gehört "zu den Gebäuden, mit denen das junge Nationalbewusstsein gefestigt werden soll", schreit ein Stadtführer vorsichtig. Als auffällige Zitate der historischen Architektur wären das Kranzgesims mit Stalaktitenornamentik oder die traditionell gegliederten Säulen zu nennen. Innen öffnet sich ein einziger riesiger Raum unter dem mit vergoldeten Ornamenten und Kalligraphien geschmückten Kuppelbogen - eine Mischung aus Andachtsort, gigantischem Foyer und Mausoleum. In der Mitte zu ebener Erde steht als einziges Exponat eine verkleinerte Kopie des berühmten steinernen Koranhalters vom Hof der Bibi-Xanom-Moschee in Samarkand. Darauf liegt wiederum eine Kopie der zweitältesten Koranschrift, des Osman-Korans, der sich in Usbekistan befindet. Beherrscht wird der Raum durch grosse Wandgemälde mit Szenen vom Hof Timurs im Stil orientalischer Miniaturen. Auf einer zweiten Ebene sind Ex ponate zu sehen, deren Zusammenstellung den Charakter einer populären Informations ausstellung über die Timuriden-Dynastie hat. Auf den zweiten Blick wachsen die Zweifel an dieser Traditionsbeschwörung. Man fragt sich, ob sie überhaupt eine echte Wiederbelebung auslösen kann. Das Missverhältnis von Prunk und künstlerischer Qualität irritiert. Die Mate rialien sind kostbar und teuer, aber ihre Be handlung zeugt oft von Hast, von Mängeln, die notdürftig vertuscht wurden. In Gesprächen mit den verantwortlichen Architekten kann man erfahren, wie sehr der von der Politik ver ordnete Zeitdruck beklagt wird. Sie schildern Bedingungen, unter denen eine wirkliche Aus einandersetzung mit der Tradition gar nicht möglich war. Zwar werden die klassischen Themen des traditionellen Handwerks immer wieder zitiert: Steinornamente, Schnitzereien und Intarsien. Aber man gewinnt nicht den Ein druck, dass sie einer erneuerten Handwerks kultur entspringen. Vor allem stimmen die Maßverhältnisse nicht. Vieles ist offensichtlich vergröbert und wirkt wie eine Kopie, die bloß auf den Effekt berechnet ist. Häufig werden die kostbaren Materialien mit Elementen mo derner Industriekultur bedenkenlos gemischt. Im Parlamentsbau stoßen mit Marmor beklei dete Wände auf abgehängte Gipskartondecken. Reihen weißer Marmorsäulen umgürten einen Baukörper aus goldgetöntem, verspiegeltem Glas. Auch der Umgang mit dem Raum verstärkt den Eindruck einer rein symbolischen Architekturkulisse. In den Staatsgebäuden wie dem Parlament oder dem Stadthaus begegnet man einem Übermaß an Foyers, Repräsentations räumen und zeremoniellen Treppenaufgängen, die trotz einfacher, klar gegliederter Baukör per ein Gefühl labyrinthischer Strukturen hin terlassen. Der Parlamentsbau wird von dem an eine Arena erinnernden Plenarsaal mit zwei umlaufenden Marmorbalustraden unter der riesigen türkisblauen Kuppel beherrscht, während die kleineren Säle verwinkelt, dunkel und offensichtlich bedeutungslos sind. Abgeordnetenbüros, Fraktionsräume oder Tagungsorte für Ausschüsse gibt es nicht. Zu dieser Herrschaftsarchitektur gehören noch weitere Elemente, deren Wirkung zumindest gleichrangig ist wie die Ausarbeitung und Gestaltung des Baukörpers. Das sind: Raum, Wasser und Park. Alle drei Elemente werden im Überfluss genutzt. Das Parlament steht gleichsam entrückt inmitten eines riesigen Stadtareals. Ein aufwendig gestalteter Park mit Wasserläufen, Zierbrücken, Denkmälern und verwirrenden Zufahrtsrampen umschließt im wahrsten Sinne des Wortes den Parlamentsbau. Nebenan wiederholt sich mit dem Platz der Freundschaft und einem Solitärbau aus der Breschnewzeit diese Struktur. Der Macht inszenierung durch Raumverschwendung entspricht die Inszenierung von Wasserreichtum. Taschkent nennt sich "die Stadt der tausend Brunnen". Fazit: Der Staat ist, ebenso wie die anderen nach dem Zerfall der Sowjetunion unabhängig gewordenen Staaten, auf der Suche nach eigener Identität. Taschkent versucht sich durch einzelne neue Bauten zu präsentieren, indem traditionelle, wie z.B. blaue Kuppeln, und moderne Materialien und Formen, wie Mamor, Glas und monumentale Säulen, nebeneinander verwendet werden. Noch hat Usbekistan keine eigene architektonische Ausdrucksform gefunden. Um sich abschließend ein Urteil bilden zu können, sollte man dem Staat noch Zeit geben sich zu entwickeln und darzustellen. |