Hauptstadtinszenierungen in Zentralasien Architektur bis 1966: Gab es eine speziell usbekische Architektur vor 1966? Was zeichnet diese aus? In wie fern wurde die Architektur in Taschkent durch die Seidenstraße und durch die Sowjetunion beeinflußt? In einem Land, in dem Bauholz knapp war, ergab sich das Kuppelgewölbe aus Backstein als natürliche Form der Überdachung. So waren die vorherrschenden Elemente der Baukunst bis ins 19. Jahrhundert hinein der Iwan und die Kuppel, die bereits aus vorislamischer Zeit stammten. Die Baumeister aller Epochen, die mit dieser Technik bauten, versuchten zwei Schwierigkeiten Herr zu werden: Zum einen, wie der durch die Kuppel an Größe begrenzte Innenraum vergrößert werden kann, und zum anderen, wie eine kreisförmige Kuppel auf einen rechteckigen Sockel zu setzen ist. Die Bauten orientierten sich nach innen und zeigen erst seit dem 12. Jahrhundert betonte Eingänge oder Dekor an der Fassade. Medrese Kukeldasch: Eine Medrese ist eine moslimische Hochschule. Anfangs versammelte man sich in den Moscheen um die Lehre des Islam zu studieren. Später wurden die, ursprünglich rein theologischen, Hochschulen auch für andere Fächer geöffnet. Die Medrese Kukeldasch wurde 1568/69 während der Regentschaft des Derwisch-Khan unter der Leitung des Wesir Kukeldasch errichtet. Die Gestaltung entspricht dem klassischen Aufbau einer Medrese, indem sich das zweigeschossige Gebäude um einen rechteckigen Innenhof erstreckt, zu dem sich die Wohnzellen der Studenten, die jeweils 2 x 2 m waren und keine Möbel enthielten, öffnen. Jede Wohnzelle beherbergte 2-3 Studenten. Der Hörsaal öffnet sich ebenfalls zum Hof. Die Seiten der Medrese haben einen gewölbten Iwan. Am Eingang befindet sich ein weiterer nach außen gewölbten Iwan, wodurch sich ein Prachtportal ergibt. Die Bedeutung einer Medrese, dem wichtigsten Sakralbau neben einer Moschee, wird seit dem 8. Jahrhundert durch Schmuckminarette an 2 oder 4 Ecken hervorgehoben. Eine Besonderheit Zentralasiens besteht in dem abgerundeten Grundriss der Minarette, die sich nach oben hin verjüngen. Bei größeren Medresen befinden sich in den Eckräumen zusätzlich eigenständige, aber geschickt integrierte Bauwerke, wie z.B. eine Moschee oder ein Mausoleum. Mehrfach nahm die Medrese Kukeldasch durch Erdbeben Schaden. So ist nur noch eins der ursprünglichen zwei Stockwerke übrig und die Minarette sind stark beschädigt. 1977 wurde mit der Sanierung und Rekonstruktion begonnen. Dieses Beispiel, als eines der ältesten in Taschkent erhaltenen Bauwerke soll zeigen, wie stark sich die Baumeister jener Zeit an traditionell bewährten Formen oder Vorbildern aus beispielsweise Samarkand orientiert haben. In Taschkent wurde keine herausragende oder neuartige Architektur gemacht, sondern vielmehr das was andere mitbrachten übernommen. Insofern war der Einfluß, den die Seidenstraße als Anregungs- und Austauschmöglichkeit mit sich brachte, erheblich. Museum für dekorative und angewandte Kunst: Das Gebäude, in dem sich seit 1938 das Museum für dekorative und angewandte Kunst befindet, wurde im Jahr 1902 als Residenz des aus Rußland verbannten Diplomaten A. A. Polowzew, errichtet. Das Bauwerk stellt ein Meisterwerk der damaligen Kunst und Architektur dar. An seiner Gestaltung wirkten bedeutende Künstler, wie Usta oder T. Arslankulov, aus ganz Usbekistan mit. Die Wände der einzelnen Räume sind aufwendig bemalt und mit geschnitztem Stuck ausgestattet. Bei diesem Gebäude ist eine deutliche Weiterentwicklung der Architektur im Vergleich zu der Medrese Kukeldasch festzustellen. Es fällt auf, dass inzwischen auch Materialien aus anderen Regionen Verwendung finden, wodurch sich neue Formen ergeben. Noch immer ist die äußere Erscheinung im Verhältnis zu den Innenräumen eher bescheiden, doch für eine private Residenz ist auch das Äußere deutlich prunkvoller geworden. Beibehalten wurde der klassische Innenhof, jedoch münden nicht alle Räume in ihn, wodurch sich der traditionelle Grundriß bereits verändert hat. Auch die Bänke im Hof brechen mit der Tradition, nach der immer ein Sufa, ein mit Matten oder Teppichen belegtes Podest im Hof steht. Alischer Nawoi Oper: 1933 wurde ein Wettbewerb zum Bau der ersten ständigen Oper der Stadt ausgeschrieben, den der russische Architekt Alexej Schtschussew gewann. Er war mit der orientalischen Baukunst vertraut und legte besonderes Augenmerk auf die nationalen Besonderheiten Usbekistans. Dennoch wirkt das Gebäude von außen nicht asiatisch, sondern könnte ebenso in Europa stehen. Im Inneren des Gebäudes wurden hingegen sechs unterschiedliche Foyers gestaltet, die jeweils einer Region des Landes gewidmet sind. Alle Foyers wurden von anerkannten Künstlern des Alabasterschnittes der jeweiligen Gebiete gestaltet. Durch die drei Hauptportale gelangt man in das Vestibül, dessen Fußboden mit dunklem Gasganmarmor ausgelegt ist. Von hier geht der Paradesaal mit seinen zwei breiten Mamortreppen ab, die zu einem geräumigen Wandelgang führen, welcher den Zuschauerraum dreiseitig umgibt. Die Bühne mit 540 m² Fläche bietet die Möglichkeit zur Aufführung von Massenszenen. Die Architektur der Alischer Nawoi Oper hat die späteren Bauwerke Taschkents stark beeinflußt. Durch dieses relativ junge Gebäude lässt sich die Entwicklung der Architektur in Usbekistan gut veranschaulichen. In der äußeren Erscheinung erkennt man nichts mehr von der traditionellen Bauweise Usbekistans. Anscheinend ist das Land vollkommen in der Sowjetunion aufgegangen und übernimmt sowohl die Materialien, als auch die Form der europäischen Architektur. In den Innenräumen hingegen wird weiterhin traditionell gebaut und nur vereinzelt "neue Materialien" verwendet. In der Architektur werden zu dieser Zeit nach außen und nach innen sehr unterschiedliche Anschauungen verkörpert und das Land scheint keine klare Identität mehr verkörpern zu können. Die Architektur Usbekistans nimmt immer mehr einen internationalen Stil an in ihrer äußeren Erscheinung, hat aber im Inneren noch klare traditionelle Elemente. |