Spätantikes Gesims, 5 . Jh., Syrien
Spätantikes Gesims,
5. Jh. Syrien

Die Arabeske

Mit Arabeske werden Zierelemente aus verschlungenen stilisierten Blätter und Ranken bezeichnet. Der Ursprung der Arabeske ist umstritten, aber es scheint ein sarazenisches Ornament zu sein, das durch islamische Handwerker in Europa verbreitet wurde. In der Baukunst hat sich die Ornamentik in der Form der Arabesken tief verwurzelt. Vielfach sind Gebäude der islamischen Zivilisation Meisterwerke der detaillierten Arbeit.

Ornament aus Samara, 8. Jh., Iraq
Ornament aus Samara, 8. Jh. Iraq

Die Arabeske als Sinnbild des Ostens

Wenn wir fragen, wie der Orient unsere Kultur beeinflusst hat, dürfen wir aber auch die Wirkung der islamischen Kunst und der islamischen Schönheitsideale auf Europa nicht vergessen. Man begann in der Zeit von Holbein, sich für die Arabeske zu interessieren, jenes typische orientalische Ornament, das aus der Gabelblattranke besteht, bei der sich immer wieder aus den Stengeln Blüten und daraus Blätter und aus den Blättern neue Blüten entwickeln. Es sind die Gärten, die man liebte - hier als abstrakte Formen für die Ewigkeit erhalten. Man begann, auch in der Musik orientalische Motive zu übernehmen - wir brauchen nur an Mozarts "Türkischen Marsch" zu denken, aber es gibt darüber hinaus unendlich viele musikalische Anklänge an Janitscharen-Musik und an orientalischen Klängen. In der Kunst entdeckt man plötzlich die Turquoiserien; man lässt sich im türkischen Kostüm malen; im 19. Jahrhundert entsteht dann die orientalisierende Malerei. Es gibt unerhört freizügige Haremsszenen, die in jener Zeit modern wurden, gemalt von Menschen, die nie einen Harem von innen gesehen hatten. Aber nackte badende Damen in den Orient zu versetzen, war leichter, als sie im westlichen Milieu darzustellen. Auch die Baukunst blieb nicht unbeinflusst. Der Palast in Brighton in England zeigt die Architektur Indiens in verwässerter Form, und in Dresden wurde eine Zigarettenfabrik in Form einer Moschee gebaut. Das spiegelte den malerischen, romantischen und verspielten Orient wider.

Die Anfänge der Arabeske müssen wir im spätantiken Blattrankenornament suchen, z.B. bei einem Akanthusgesims. Uns interessiert hier die mit bestimmter Absicht bewirkte Spaltung des Stengels, der regelmäßig zurückschlagendes Blattwerk entsendet.

Ein paar Jahrehunderte später stoßen wir in hellenistischen Malereien Turkestans auf Blattwellen gleicher Führung, die aber bereits dermaßen schematisiert sind, dass ihre botanische Herkunft kaum noch erraten wird. Hier finden wir Gabelungen, die sich nochmals spalten und einen weiteren Schößling entsenden, also eine Tendenz, die der eigentlichen Arabeske schon ziemlich nahekommt.

Im islamischen Bereich selbst ist diese, wie ein Gebälkdetail aus der Amr Moschee in Fostät erweist, zu Beginn des neunten Jahrhunderts noch nicht klar durchgebildet.

Malerei aus Turfan, 9.-10. Jh. Turkestan
Malerei aus Turfan
9.-10. Jh. Turkestan
Amr Moschee, 8. Jh. , Kairo
Amr Moschee
8. Jh. Kairo


Auch in den Deckenmalereien der Moschee Sidi Oqba in Kairuan, in denen wir trotz späterer Ausführung wohl die Wiederbelebung von Mustern des neunten Jahrhunderts vermuten dürfen, tritt das antike Element manchmal eindringlicher hervor als die islamische Disziplin. Die groß, elegant und sicher geführte Kurve in einem der Zierstreifen läßt noch die Erinnerung an durch perlstabknoten verstärkte Füllhornranken aufkommen, und die lotusartigen Endigungen sind als durchaus ungewöhnlicher Einfall zu werten.

Moschee Sidi Obqa, 10. Jh., Tunesien
Moschee Sidi Obqa, 10. Jh., Tunesien

In Samara begegnen uns in schmalen Stuckleisten Wellen von Gabelblättern, die scheinbar stengellos einander entwachsen in flüssigem Rhythmus und ihrer Konturierung sich bewusst entfernen von aller Naturform.

Ornament aus Samara, 8 Jh., Irak  
Ornament aus Samara
8. Jh. Irak
 
Moschee Ibn Tulun, 9. Jh., Kairo
Moschee Ibn Tulun
9. Jh. Kairo

In der wenig späteren Moschee Ibn Tulun in Kairo finden wir dann die reichere Variante, die uns in den ersten Beispielen beschäftigte, klar und eindeutig in den Arabeskenkanon übersetzt. In lockerer Führung gleitet die Welle dahin, der Stiel entsendet nach beiden Richtungen Blattbildungen von unwirklichem Umriss, mit abermaliger Abspaltung, und erneuert sich unmerklich aus sich selbst in symmetrischer Prosodie.

Hier konzipiert der Künstler einen in sich geschlossenen Arabeskenvorwurf. Er erhält so eine kontrastreiche Flächenfüllung mit zentralem Schwerpunkt, die er nun, um zu einer fortgesetzten Musterung zu gelangen, in gleichmäßiger Wiederholung so aneinanderreiht, dass durch Verknotung und Verflechung der Ausläufe neue Entsprechungen entstehen und so der Eindruck des Schablonenhaften geschickt vermieden wird.

Ein Ausschnitt aus der Dekoration eines Mausoleums in Konia bietet uns das Beispiel einer symmetrisch konzentrierten, durch Paßkontur begrenzten Bildung. In Fayancemosaik ausgeführt, steht das Motiv manganschwarz auf türkisgrünem Grund, übrigens nicht als Einzelkomposition, sondern als Detail im Verband einer die ganze Fläche bedeckenden, in Kompartimente aufgeteilten keramischen Ausstattung, der es wegen der vielgliederigen klaren Definition einer Arabeskenstaude willkürlich entnommen wurde.

Zierseite aus Koran, 14. Jh. Ägypten  
Zierseite aus Koran
14. Jh. Ägypten
 
Fayancemosaik, 13 . Jh., Türkei
Fayancemosaik
13. Jh. Türkei

Ein Gefäßdeckel, Arbeit eines türkischen Töpfers des sechszehnten Jahrhunderts, gibt sich als spätes Beispiel dadurch zu erkennen, dass nur scheinbar das Rund der Zierfläche mit einer kontinuierlichen Arabeszierung belebt sich. In Wirklichkeit wechseln zwei verschiedene, aus Verdoppelung von Gabelblättern entstandene, an Wolkenbandbildung gemahnende Figuren miteinander ab, und nur die eine hat Ausrollungen von nicht ganz echten Arabesken, die andere losgelöste Spiralen als Rahmung. Die unvollkommene Lösung fällt aber nicht störend auf, angesichts der geschickten Verteilung und Durchdringung der Motive.

Schwieriger war das Problem der Rundkomposition, das der Stuckateur des Tschinili Köshk in Ýstanbul bei der Ausstattung eines Kuppelraumes zu bewältigen hatte. Um eine kleine, glatte Scheibe als Mittelpunkt legt er in radialer Wiederholung kandelaberartig gestielte, ineinander übergehende Gabelblätter und Arabeskpalmetten so, dass die Einzelformen konzentrisch wiederkehren und auf diese Weise die konvergierende Tendenz betont bleibt. Er vergrößert den Maßstab nach der Peripherie hin, und um das Zentrum läßt er die Radien sich eng vergittern. Seine Kuppel wirkt so wie eine riesige, insichgeschlossene, reichgegliederte Sternrosette und darf als besonders glänzende Lösung architektonischen Arabeskendekors bezeichnet werden.

Gefäßdeckel, 16. Jh., Türkei
Gefäßdeckel
16. Jh. Türkei
Kuppelverkleidung, 15. Jh., Türkei
Kuppelverkleidung
15. Jh. Türkei
Schalenboden, 13. Jh., Syrien
Schalenboden
13. Jh. Syrien

Eine der Hauptaufgaben der Arabeske bestand im Zusammenwirken mit der Epigraphik. Das geschriebene, fromme Wort war in der ganzen islamischen Welt bevorzugt bei der Ausstattung der Bauten sowohl wie in der Grätzier, und der erstaunliche Reichtum der dabei erschlossen kalligraphischen Möglichkeiten ist bekannt. Man behandelt Hasten und Schwingungen selbst als Ornament, geradezu zu arabesziere, um so einen vollen Zusammenklang von Text und Schmuck zu erzielen. Ein Stuckfliese des 12. Jahrhunderts zeigt uns, wie in der Seldschukenzeit ein frommer Spruch mit einer Arabeskenstaude so verwoben sind, dass ein geschlossener, dekorativer Eindruck entsteht.

Wo auf Grund einer weniger puritanischen Einstellung zum Bilderverbot die Verwendung von Tiermotiven beabsichtigt wird, ist meist des Zeichners erste Sorge, eine möglichst naturferne Definition zu finden und diese zwanglos einem ornamentalen Gefüge einzuordnen. Die Meisterschaft des Künstlers zeigt sich darin, wie er das zoomorphe Gebilde in sein Arabeskensystem eingliedert.

Kuppelverkleidung, 15. Jh., Türkei
Kuppelverkleidung
15. Jh. Türkei
Stuckfliese, 12. Jh., Persien
Stuckfliese
12. Jh. Persien
Holzschnitzerei, 11. Jh., Ägypten
Holzschnitzerei
11. Jh. Ägypten

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