Der verhüllte Reichstag und die Beziehung zwischen Textilien und Architektur im Islam
Eine interessante gedankliche Gegenüberstellung lässt sich zwischen Christo und Jeanne-Claude's verhüllten Reichstag (1995) und der Beziehung zwischen Textilien und Architektur im Islam machen. Die Struktur des Reichstags wird durch den "festgezurrten" weißen Stoff sehr betont. Dies geschieht im Sinne von einfachen zusammengesetzten Volumen. Es ist eine Angelegenheit von neutralem Verstecken was hinten ist, vom nicht offenbaren.
Die textilen Dekorationen in islamischer Architektur und auch die textilartige Ornamentik in anderen Medien (Edelsteineinlegearbeit, Stuckarbeit, Keramik, Malerei) auf der Oberfläche von Gebäuden lassen die physische Form des Dahinterliegenden auch verschwinden, doch auf eine viel ambivalentere Weise. Das Textil, das Ornament im Vordergrund, wird zum unabhängigen Gestaltungselement und leitet die Architektur. Sie ist Hauptträger der Wahrnehmung der Architektur, sie unterstützt aber nicht unbedingt das Volumenbewusstsein, wie wir es von westlichen Architekturvorstellungen her kennen. Das textile Ornament möchte viel lieber ein Sinn für das ausdrücken was physische Form selbst nicht ist. Dies sieht man z.B. an den Bauten Timurs in Samarkand, sowie am Mausoleum Itimad-ud-daula's in Agra, Indien. Die konstante, dichte Einlegearbeit an der Fassade löst viel von der Architektur auf. Ein derartig behandelter Innenraum, wie der der privaten Audienzhalle des Moghulkaisers Shah Jahan in Delhi ist in dargestellt.
Während man beim Reichstag vom "verpacken" oder "verhüllen" spricht, könnte man im Allgemeinen beim Ornament in der islamischen Architektur vom "bekleiden" sprechen. Das Bild der Großen Moschee, Tlemcen zeigt den Innenraum - und vereint auf einen Blick die Ornamentauffassung im Islam: realer Bogen, gemalter Bogen und textiler Bogen sind auf einem Bild zu sehen.
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