Das islamische Bildverbot Hauptstadtinszenierungen in Zentralasien Seit jeher trennen sich die Geister bei der Interpretation des islamischen Bildverbotes: Die einen beziehen sich auf den Propheten Mohamed, für den die Darstellung im Bild offensichtlich kein Thema war. Sein Umfeld schmückten zahlreiche bildliche Darstellungen in Form von Wandbehängen, Teppichen und Ringen. Auch die Schriften des Koran lassen kein der Bibel gleichwertiges Bildverbot erkennen. "Nimmst Du Bildern von Göttern an? Siehe, ich sehe Dich und Dein Volk in großem Irrtum". (Sure 6,74) Dies ist nicht als ausdrückliches Verbot zu werten und so gab es nicht wenige Mosaike und Malereien mit Personenabbildungen. Bildverachtende Islamisten beziehen sich auf die Erkenntnis von O. Grabar, der in einem Zitat des Ethikers und Geschichtsschreibers Miskaway aus dem 10. Jh., der eine in der Frühzeit entstandene neue soziale Kraft verantwortlich macht: "Besitzt ein König etwa in seiner Schatzkammer einen Gegenstand von seltenem Wert, ... läuft er damit Gefahr von seinem Verlust getroffen zu werden ... Nicht im Stande, eine Kostbarkeit durch ein genau gleichwertiges Stück zu ersetzen, wird der König zu einem Gefangenen der Notwendigkeit". Dies beschreibt nicht nur die Ablehnung gegen jegliche bildliche Darstellung, sondern auch, dass alles, was auf irgendeine Art und Weise einen Wert im Bezug auf ästhetisches Schaffen hat, sündhaft ist. Andere berufen sich auf ihren einen Zweig, die Aussprüche des Propheten (haditha), und zitieren die folgenden, sinngemäß übersetzt: "Wer Bilder lebender Wesen schafft, soll am Jüngsten Tag gezwungen werden, diesen Bildern Leben einzuhauchen"; "die Engel werden ein Haus nicht betreten, in dem ein Bild oder ein Hund ist"; "am Tag des Gerichtes werden am strengsten bestraft der Mörder eines Propheten und der Schöpfer von Bildwerken und Abbildungen". Es gibt Stimmen, die sehen die Begründung der Bilderfeindlichkeit des Islam auch in der Tradition, denn auch die Motive der Nomadenkunst wurden ornamentalisiert. Da sich offensichtlich keine offensichtliche eindeutige Aussage für oder gegen das Verbot treffen lässt, hat sich eine Tradition entwickelt, die eine bildliche Darstellung lebendiger Wesen im Sakralbau verbietet, im Profanbau aber erduldet. Diese Tradition findet in verschiedenen Gebieten der Islamischen Welt unterschiedliche Ausprägung. Im Osten lebt die reiche vorislamische Bildwelt der Perser und Türken fort. Die Regierenden verzichten nicht auf ihre traditionsreichen Symbole der Macht und schmücken ihre Baudenkmäler neben den geometrischen und floralen Arabesken auch mit eindrucksvollen Darstellungen von Löwen, Tigern, Vögeln und Fabelwesen. Der Islam kennt kein Kultbild und hat auch nur sehr wenige Symbole. Es gibt somit in der islamischen Kunst keinen fortlaufenden Zusammenhang, wie etwa in der christlichen oder buddhistischen Kunst mit religiöser Ikonographie. Ebenso wenig lässt sie sich mit der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk erklären, wie zum Beispiel die indische oder die chinesische Kunst. Sie entwickelte sich zwischen dem 8. und dem 12. Jahrhundert in den Kernländern der islamischen Welt, die von Marokko und Andalusien bis zum nördlichen Indien reichten, also in den Gebieten, die, mit Ausnahme der Türkei, in den rund 120 Jahren nach dem Tod des Propheten Mohammed bis zur Entstehung des abbasidischen Kalifats von muslimischen Heeren erobert wurden. Die islamische Kunst besitzt keinen klaren Ursprung. Sie hat zunächst Anregungen aus der Tradition der beiden Großreiche der Alten Welt aufgenommen, deren Erbe sie angetreten hat: der hellenistischrömischen Tradition des Byzantinischen Reiches und des sassanidischen Iran. In geringerem Maße leben in ihr aber auch Formen und Ideen aus altarabischen und altvorderorientalischen Wurzeln weiter. Die Mosaikdekore des Felsendoms in Jerusalem und der Omaijaden-Moschee in Damaskus etwa stehen in byzantinischer Tradition, und auch die Ausschmückung der berühmten omaijadischen Wüstenschlösser folgt in der Ornamentik sowie in üppigen Skulpturen und Reliefs (die unter anderem nackte Frauen und Männer zeigen) dem spätantiken Vorbild. Diese Arbeiten wurden in der Sakralarchitektur von figurativen Dekorationen gereinigt. Geometrie: Im islamischen Raum spielte die Faszination der geometrischen Form seit jeher eine große Rolle. Schon früh entwickelte sich die Geometrie zu einer eigenständigen Wissenschaft und wurde, wie in der Antike, auf eine Stufe mit Mathematik, Astronomie und Musik gestellt. Begann man sich im 8. und 9. Jh. zunächst mit den Überlieferungen der Antike zu beschäftigen, begann man im 10. Jh. mit eigenen Beiträgen Erkenntnisse zu sammeln. Muslimische Mathematiker wie al-Buzdschani (gest. 998) und Ghiyath ad-Din Dschamid al-Kaschi (gest. 1429) schrieben Lehrbücher zum Thema der geometrischen Grundprinzipien und ihrer Anwendung in der Architektur. Sie beinhalten Fragen der Zusammenstellung flächiger geometrischer Ornament, der Umrisse von Kuppeln und Bögen oder der Charakteristika von muqarnas-Gewölben. Sie vermittelten Grundregeln der Geometrie. Verbindung der Formen: Neben vielfältig in der islamischen Welt kultivierter Geometrie, faszinieren vor allem die zweidimensionalen Ornamente und Muster. Das Anordnungsprinzip, die dem islamischen Ornamentsystem zugrunde liegen, können auf den wiederholenden Rhythmus und der Stilisierung unterschiedlicher Motive, wie Pflanzen oder Schriften, reduziert werden. Die Motive folgen in sich einem Rhythmus bis ins Unendliche. Durch Vervielfältigung wird eine Metapher für die Ewigkeit dargestellt. Als Ornament ohne Anfang und Ende symbolisieren sie die Unendlichkeit Gottes. Diese Faszination der Wiederholung ist ein dynamischer unveränderlicher Effekt. Jeder Teil dieser Wiederholung bewahrt Identität ohne einem anderen überlegen zu sein. Erreicht wird eine Harmonie und Ruhe, die ganz im Sinne des islamischen Gedanken steht: Der Ort ist wichtig! Nichts darf von dem Wesentlichen ablenken. Beispiele einer reifen, vollendeten islamischen Kunst zeigen die Verschmelzung schwungvollen epigraphischen Dekors, dessen Entwürfe häufig von Kalligraphen stammen. Additive Anlagerung von auf sich selbst bezogenen Einzelformen: Wie in Städtebau und Architektur dominiert die Anlagerung von Einzelformen als Strukturprinzip. Jede Zelle wird für sich gestaltet ohne allzu intensiven Bezug auf die Gesamtheit. Der Grundriss von< Moscheen verdeutlicht dieses Prinzip besonders. Einzelzellen gleicher Art werden zwar zu Rastern addiert, werden aber nicht selten für sich gestaltet ohne sich auf benachbarte Räume oder übergeordnete geometrische Prinzipien zu beziehen. Manchmal gewinnt man sogar den Eindruck, dass größtmögliche Vielfalt geradezu angestrebt wurde. Die al-Bab al-Mardum Moschee in Toledo (um 999/1000) zeigt einen quadratischen Grundriss in neun Jochen, die allesamt kuppelähnlich überdeckt werden. Die Rippen sind so angeordnet, dass neun verschiedene Muster auf der Basis von Symmetrien mit vier oder acht Achsen entstehen. Das strenge Raster, dass den Raum in neun gleiche Quadrate teilt, wird in der Ornamentierung ignoriert und dadurch gelockert. Auch die hierarchische Aufrissgliederung spiegelt sich in den "Grundrissornamenten" nicht wieder. Das höhere und damit klar hervorgehobene Zentraljoch ist in der Musterung nicht sonderlich betont. Die Rippen der Kuppeln sind konstruktiv nicht notwendig also reines Ornament. Die Säulen, die im Zentrum des Gebäudes ein Geviert umgrenzen, tragen vier völlig verschiedene Kapitelle. Damit wird sogar die Symmetrie gebrochen. Ein gewisses Maß an Individualität in der Gestaltung der einzelnen Bauglieder stört den Gesamteindruck nicht, belebt vielmehr die strenge Ordnung der Architektur. Der West- bzw. Mitteleuropäer ist gewohnt alle Einzelteile so aneinanderzufügen, dass alles genau in übergeordnete Strukturen und Systeme passt. Die islamische Architektur verselbstständigt und befreit somit die Dekoration aus dem architektonischen Strukturprinzip. In allen Teilen der islamischen Welt kann diese Ablösung des Ornamentes von der Architektur und damit die Verselbstständigung der Dekoration beobachtet werden. Bei den Minaretten im Jemen an der al-Bakiriya Moschee San'a 1598, in Usbekistan auf dem Registan-Platz an der Ulugh Beg Madrasa von 1417 in Samarkand und an der Kalyan Moschee von Buchara 1514 oder im iranischen Qom am Schrein des Hadrat-e-Masurmeh (16. Jh.), in Mosul an der Nuri Moschee (Irak 1172) selbst im Chinesischen Turfan an der Amin Moschee von 1778 oder im afghanischen Chazna am Siegesturm (1030) werden ringförmige Ornamentbänder übereinander geschichtet, die unterschiedlichste Musterungen aufweisen können, ohne dass die architektonische Form Anlass dazu bietet. In der islamischen Baukunst überzieht die dekorative Gestaltung die Architektur, ohne sich wesentlich auf sie zu beziehen. Im Gegenteil, gern benutzt man ornamental - geometrische Ordnungsprinzipien, die in Grundrissen deutlich werden können und den Bau bestimmen. Einzelne Bauteile werden individuell dekoriert. Noch heute erteilt man die Aufträge für Architektur und Dekoration häufig getrennt an verschiedene Fachleute. Atektonische Verwendung - Trennung von Architektur und Ornament: Atektonisch bedeutet, dass die Einzelteile des Gebäudes technisch-konstruktiv und formal-künstlerisch keine Einheit bilden. Eine derartige Trennung von Bauwerk und Oberflächengestaltung führte dazu, dass die konstruktive Logik der Bauteile verwischt oder gar absichtlich verkehrt wird. So sind eigentlich konstruktive Bauteile wie die Rippen der oben genannten Bab al-Mardum Moschee in Toledo ohne konstruktive Funktion also nur reines Ornament. Auch die oben bereits betrachtete Große Moschee von Córdoba zeigt zwar konstruktiv beanspruchte Rippen (älter als in Toledo), die Last wird in der darunter liegenden Zone jedoch nicht linear abgeleitet. Vergleichen wir eine Zeichnung desselben Bogens von Gómez-Moreno vor der Restaurierung der Moschee durch Velazquez Bosco und einer modernen Photographie. Die Zeichnung zeigt oberhalb der gitterartigen Füllung einen falschen Bogen, der wesentliche Anteile der Gewölbelast aus den Kuppelrippen aufnimmt. Die darunter liegenden Bogenstellungen müssen so im Wesentlichen nur sich selbst tragen. Die gleichen übereinander angeordneten Arkaden, die zwischen den Schiffen die Last des Bauwerks auf den Säulenwald verteilen, sind hier nur gestalterisch angewendet. Zusätzlich verdeutlicht man dies durch die nach oben zunehmende Bogentiefe und damit Schwere, die die dünnen Säulen scheinbar gar nicht tragen können. Versetzte Bögen lasten auf den Scheiteln der darunter liegenden mit dicken Konsolen, ein Architrav schwebt frei dazwischen. Man erreicht den Eindruck, das ganze stehe nicht auf der Erde, sondern hänge vom Himmel herab, wie ein gotischer Baldachin. Dekorative Mauerwerksverbände finden wir an der so genannten Bibi Chanum Moschee im usbekischen Samarkand (1399 - 1404). Hier versucht man nicht die statisch optimalste Kombination der Ziegelsteine zu finden oder belässt zu mindest die konstruktive Logik, sondern arrangiert geometrisch - ornamentale Muster. Die Konstruktion muss sich hier der Dekoration unterordnen. Feine aber geniale Hinweise zur Auflösung der konstruktiven Prinzipien in der Ornamentierung zeigen sich am Patio del Yeso im Alcazar von Sevilla aus almohadischer Zeit (13. und Anfang 14. Jh.). Die Rautenpaneele stehen in symmetrischer Ordnung zum Mitteltor (Iwan). Die flache Vorhalle hat insgesamt nur ein kleines Pultdach zu tragen. Als eigentliche Außenwand des Gebäudes fungiert die Mauer dahinter. Konstruktiv tragend sind also wahrscheinlich ein Dachbalken im oberen Architrav sowie die beiden gemauerten Pfeiler links und rechts vom zentralen Bogenmotiv. Die Rautenpaneele entstehen geometrisch gesehen aus sich überschneidenden Bögen. Diese sollten die Last vom Architrav auf die Säulen verteilen und sie in den Boden ableiten. Im linken Paneel führt eine durchgängige Achse an zwei Punkten vom Architrav zum Säulenkapitell, die entsprechenden Bereiche im rechten Paneel zeigen keine durchgängigen Achsen, der Kraftfluss ist unterbrochen. Konstruktive Logik und der architektonische Aufbau von Gebäuden spiegeln sich nicht in der dekorativen Gestaltung derselben wieder oder werden vielleicht sogar absichtlich, wie in einem Spiel ad absurdum geführt, um einen schwerelosen Eindruck zu erreichen. Grundsätzlich zeigt sich zumindest, dass das Ornament in der islamischen Architektur nicht automatisch tektonischer Logik und konstruktiver Ehrlichkeit verpflichtet sind, sie profitieren bisweilen voneinander. Also gewinnt nicht nur in geometrischer, sondern auch in konstruktiver Hinsicht das Ornament in der islamischen Architektur einen höheren Eigenwert und erlaubt einen eigenen Gestaltungswillen in einer Schale um die Architektur. Dekoratives Ornament oder ikonographisches Ornament? Es existiert auch die Hypothese, dass islamische Kunst im Allgemeinen zwei Welten ausdrückt - die dargestellte Welt und die autonome Welt. Es ist der Künstler, der bei jedem Werk entscheidet, "wieviel" er von jeder Welt ausdrücken möchte. So entstehen überaus dichte, dekorative Werke, die scheinbar ein Eigenleben führen, gelöst von den physischen Umständen ihres Grundes oder Umgebung, so zum Beispiel in Stein, in der Malerei, sowie in/auf Textilien, mit einem stärkeren ikonographischen Gehalt. Die physische Form in der islamischen Kunst tendiert traditionell dazu, zu einem Mittel zu werden, um etwas anderes als sich selbst, auszudrücken. Architektonische Volumen der Moghulzeit sind spartanisch ausgefallen. Man könnte meinen, es handele sich um eine bloße Addierung einfacher Volumen, Flächen und Linien, anstatt einer komplexen architektonisch-physischen Symbiose wie sie in der westlichen Architektur so oft versucht wurde. In der islamischen Architektur, war das "autonome" Ornament eher das Objekt einer raffinierten Entwicklung, als die physische Form der Architektur. Es entstanden strukturell/architektonisch gesehen zweidimensionale Bauten, die aussahen, als gründeten sie auf den Gesetzen der Zeltkonstruktion. Es ist jedoch eine besondere Qualität der islamischen Kunst im Allgemeinen, dass der flächige, zweidimensionale Charakter der Architektur durch das Ornament zu leben beginnt. |