Hierarchische Hervorhebung der Bedeutung von Einzelelementen durch Ornamente Hauptstadtinszenierungen in Zentralasien Daraus ergibt sich, dass die Gestalter eigene Aussagen unabhängig von der Architektur mit ihrer Dekoration verwirklichen konnten. Der Mihrâbbereich in der Großen Moschee von Córdoba ist am aufwendigsten an Wand und Kuppel mit Goldmosaiken ornamentiert. In den Jochen links und rechts der Mihrâb gibt es nur noch sehr wenig Mosaik. Die steinernen Rippenkuppeln lassen trotzdem Besonderheiten erahnen. Tatsächlich befindet sich rechts der Mihrâb eine Tür durch die der Kalif den Hauptraum betrat, die Tür links öffnete sich zu den Schatzkammern der Moschee. Die Maqsura lag an der Stelle der alten Mihrâb. Vielpassbogengitter und eine Rippenkuppel markieren den Bereich. Man erreicht eine stärkere Abgrenzung der Bedeutungsbereiche durch vorsichtige Abgrenzung aus dem Raumkontinuum, die vor allem durch dichtere Ornamentierung der Bogengitter mittels Addition dem Betrachter vermittelt wird. Selbst die ehemalige Qiblawand wird durch Bogenarkaden quer zu den Schiffen erlebbar gemacht. Auch hier unterscheidet man durch aufwendigere Ornamentierung der Bögen die Mihrâbachse und jene links und rechts von allen übrigen, ohne die Vorrangstellung der Vormihrâbarkade in Frage zu stellen. Feine Abstimmungen im Ornament sorgen für die nötige Hierarchie unterschiedlicher Bedeutungsgrade der Bauteile. Unterscheidungen von Bedeutungsgraden werden manchmal nur durch Dekoration an sonst nahezu gleichartigen Gebäudeteilen durchgeführt. Überaus klar zeigt sich dieses Vorgehen im Qibla - Iwan der Sultan Hasan Moschee in Kairo (1356 - 59). Wände und Tonnengewölbe erscheinen in einem Material. Nur ein ornamentales Band zieht sich auf halber Raumhöhe über alle Wände gleichermaßen. Die nach Mekka gerichtete Qibla ist wichtigstes Element im islamischen Sakralbau. Um ihrer Bedeutung Ausdruck zu verleihen, wurde nur sie weithin sichtbar mit Ornament überzogen (ausgenommen die Sockelzonen der Seitenwände). Farbige Steine bilden geometrische Muster. Nicht einmal die gesamte Wand ist ornamentiert, nur bis in Höhe des Mihrâbbogens wurde dekoriert. Die Qibla ist keine Schmuckwand sondern eine Wand mit Schmuck. Ihre Bedeutung wird durch das Ornament greifbar gemacht. Abgestufte Bedeutungsgrade formuliert auch das Ornament an der Masdjid i - Shah in Isfahan. Diese Moschee ist großartiges Beispiel persischer Dekoration und fällt durch die ungewöhnliche städtebauliche Einbindung auf. Die gleichen zweietagigen Arkaden umziehen den Königsplatz und den Moscheehof, der auch als Betraum dienen kann. Die Verwendung von blauer Keramik in den Sakralbereichen schafft jedoch den nötigen Unterschied. Als wichtige Zeichen der Religion müssen deshalb auch Hauptkuppel und Minarette blau dekoriert sein und unterscheiden sich so vom schlichten Unterbau in Ziegelmauerwerk. Innerhalb der vier Iwane um den Haupthof der Moschee können ebenfalls Bedeutungsunterschiede abgelesen werden. Der Haupteingang zur Moschee und damit die Richtung nach Mekka haben eine höhere Wertigkeit. Dieser Iwan dient für den Hof als Mihrâb und ist deshalb nicht nur höher sondern auch mit aufwendigen Gewölben ausgestattet. Durch Anwendung oder feine Abstufungen von ornamentalem Dekor am Bau werden in der islamischen Architektur unterschiedliche Bedeutungsgrade einzelner Bereiche hervorgehoben. Funktion, Wert und Wichtigkeit von Gebäuden oder Gebäudeteilen erreichen die Erbauer teilweise nur durch die Gestaltung an den oft recht neutralen Architekturen. Das Ornament ermöglicht einen eigenen Gestaltungswillen der Dekorateure unabhängig von der Architektur. Ein möglicher Hinweis auf die Vereinfachung von Umnutzungen? Außen- und Innenraum: Das islamische Paradies dessen Name al-Yanna aus dem Koran stammt bedeutet zweierlei, "Garten" und "verborgener Ort". Schon aus religiöser Sicht lässt sich die starke Innenraumbezogenheit in der islamischen Architektur erklären. Allerdings zeigten schon im alten Babylon die Gebäude nahezu öffnungslose ungestaltete Außenfassaden während der Reichtum des Besitzers nur innerhalb zu Tage trat. Schon die Betrachtung der islamischen Stadt hat gezeigt, dass kaum gestaltbare Außenfassaden zur Verfügung standen. Die meisten Gebäude waren im Stadtkörper eingewachsen. Frei stehende Gebäude dekorierte man dementsprechend. Wenn auch verschiedene Bedeutungsgrade bei der Gestaltung der Masdjid i Shah in Isfahan eine große Rolle spielen, so fällt jedermann sofort auf, dass nur die Innenseiten der Räume mit blauweißem Ornament überzogen wurden. Die in der islamischen Welt seltene Möglichkeit einer Außenfassade bietet der angrenzende Königsplatz. Doch nur gleichförmige Arkaden ohne blauweißen Schmuck begrenzen seine Kanten. Nur die wichtigen Iwane glänzen über sie empor, eine Steigerung gibt es nicht. Der Registan - Platz in Samarkand ist wie der Innenhof einer persischen Moschee gestaltet. Seine Fassaden sind ausnahmslos ornamentiert. Um im dichten Stadtkörper dennoch Außenfassaden gestalten zu können, errichtete man in Kairo an der Ibn Tulun Moschee (876 - 879) eine so genannte Ziyada, ein offener von Mauern umschlossener Eingangsbereich, der sich an drei Seiten um den Bau zieht. Diese Struktur hat offenbar keinen anderen Sinn, als eine genügend große Fläche für die Moschee im Stadtkörper freizuhalten. Abgesehen von der Möglichkeit nun regelmäßig Eingangstore zu erreichen, wurde keine besondere Fassadengestaltung im Außenbereich verwirklicht. Ähnliche Tendenzen beobachten wir bei den Minaretten, die auf Grund ihrer Höhe naturgemäß einer repräsentativen Fassadengestaltung im Außenbereich zugetan sind. Allerdings darf man auch hier, ihre sakrale Bedeutung nicht vergessen. Ihre vertikale Ausdehnung lässt sie zu Berührungspunkten mit dem Himmel werden. Aus beiderlei Gründen ist es nicht verwunderlich, dass die Ornamentierung an den Minaretten nach oben hin zunimmt. Kairos Minarett der Madrasa Sultan al-Nasirs (1292 - 1304) ist ebenfalls nach oben zunehmend ornamentiert. Selbst der Grundriss geht ins Vieleck über. Die Ansicht verdeutlicht durch die Zinnen eine Überdeckung der unteren Partien durch angrenzende Gebäude. Prompt blieben die unteren Mauerpartien des Minaretts ungestaltet. Die Plattform, von der der Gebetsruf aus himmlischen Höhen erschallt, wirkt wie durch Wolken getragen durch die Dekoration mit Muqarnas - Elementen. Ganz oben bekrönt ebenfalls dieses Ornament die achteckige Turmspitze. Zurückhaltende Schlichtheit demonstrieren die Paläste der Alhambra von außen. Der Comaressaal verbirgt sich in einem glatten Militärturm. Das erfrischende Wasser und satte Grün des Paradiesgärtleins im Zentrum jeder wohlstrukturierten Anlage wird durch das ebenso reiche Ornament ergänzt und begleitet und verwischt so den Übergang von Natur und Architektur. Die Vielfalt offenbart sich nur dem eingeweihten. Besonders die Anwendung von Ornament verdeutlicht die Innenbezogenheit der islamischen Architektur. Bedeutung und Wert von Gebäuden oder Gebäudeteilen treten äußerlich kaum in Erscheinung. Städtebauliche Zwänge ermöglichen wenig Fassadengestaltung. Ziyadas als Aussparungen im Häusergeflecht setzen sich trotzdem nicht durch. Daneben können wir jedoch in der nach oben zunehmenden Minarettgestaltung und der Doppelbedeutung von al-Yanna als "Garten" und "verborgener Ort" eine himmlische bzw. paradiesische Bedeutung sehen. Die wahre Pracht der Dekoration entfaltet sich erst im Innern. |