Das Koreanische Internet

Südkorea ist seit Jahren unangefochtener Weltmeister in Punkto Internetkonnektivität und -geschwidigkeit. 2005 war es das erste Land mit einer ausschliesslich über Breitband erfolgenden Versorgung, 2006 erreichte es als erstes eine Verbreitungsdichte von über 50%. Heute liegt die durchschnittliche Download-geschwindigkeit in Südkorea bei 17,62 Mbps bzw. 2202 KBps (gegenüber 5,18 Mbps bzw. 647 KBps in Deutschland und 4,93 Mbps bzw. 616 KBps in den USA), bei einer, ebenfalls weltbesten, Zuverlässigkeitsrate von 94 Prozent (Pando Networks, 2012). Zugänglich sind diese Anbindungen, mit denen sich alle 10 Minuten etwa 7 GB Daten downloaden lassen, jedem südkoreanischen Haushalt, und bis Ende 2012 sollen sich diese Werte nochmals steigern. Über 90% der südkoreanischen Handyanschlüsse, von denen es im Land von Samsung & Co selbstredend mehr als Einwohner gibt, verfügen über eine Internetverbindung (28% in Deutschland).

Bei solch futuristischen Werten können auch andere Superlative kaum ausbleiben. 2006 zeichnete die koreanische Online-Gaming Industrie für knapp die Hälfte des weltweiten Branchenumsatzes von 3 Milliarden US Doller, 2010 immerhin noch für ein Viertel. Aktuellen Schätzungen zufolge spielt die Hälfte aller koreanischen Internetnutzer Online Games (yStats, 2012). Rund 2 Millionen Südkoreaner, rund 8,5 Prozent aller Nutzer, gelten heute als onlinegame- bzw. internetsüchtig. Dies ist vier mal soviel als 2006 - eine Entwicklung, die nach Meinung vieler Experten eine ähnliche grosse Bedrohung darstellt wie Alkohol, Glückspiel oder Drogen. Todesfälle am Rechner durch Erschöpfung, Herzstillstand oder Trombose sind keine Seltenheit, ein Fall in dem ein junges Paar beim täglichen Spielen sein Kleinkind verhungern liess, ging weltweit durch die Medien. Offizielle Statisiken des Ministeriums für Information und Kommunikation zum Thema Gaming-Sucht und staatliche Hilfsprogramme für Onlinegame-Süchtige gibt es in Südkorea seit 2002, seit etwa zwei Jahren laufen auch konzertierte Programme zur Vorbeugung unter Jugendlichen.

Eine andere, für europäische Betrachter futuristisch anmutende Kuriosität ist die südkoreanische Netzpolitik, vor allem was die Handhabung von Privatsphäre und freier Meinungsäusserung im Internet angeht. Organisationen wie Reporters Without Borders (RWB) weisen unter anderem darauf hin, dass sich Zahl der durch staatliche Organe bewirkten Sperrungen oder Löschungen von Internetseiten in der ersten Jahreshälfte 2010 auf über 40.000 Fälle belief, eine Steigerung um das Hundertfache seit 2005. Landeskenner erklären dies mit dem bis heute andauernden Propagandakrieg Nordkoreas, der längst auch das Internet erreicht hat. RWB bemängelt dagegen, dass die diesbezüglichen Gesetze zu ungenau formuliert sind und auch Willkür zulassen. Schlagzeilen machten in diesem Zusammenhang u.a. 2011 der Schuldspruch gegen den Blogger Park Jung, der sich über nordkoreanische Propaganda lediglich lustig gemacht und diese in satirisch abgeänderter Form veröffentlicht hatte, aber auch die Verhaftung des Bloggers Dae Sung Park im Jahre 2009, der die Verfassungskonformität eines Gesetzesartikels hinterfragt hatte.

Während politisch motivierte Zensur der besonderen Situation zwischen den beiden koreanischen Staaten geschuldet sein mag, erlauben andere Bereiche der südkoreanischen Netzpolitik einen Ausblick in die mögliche Zukunft des Internets im Westen. Anonym Surfen ist in Südkorea auf legale Weise nicht mehr möglich, in Internetcafes und auf Portalen mit über 100.000 Nutzern erfolgt die Anmeldung ausschliesslich mit Personalausweisnummer. Zudem erlauben grosse nationale Portale wie Nate seit 2009 die Veröffentlichung von Kommentaren nur noch nach Angabe des Echtnamens. Auch die im Westen heftig diskutierte Vorratsdatenspeicherung ist - obgleich zur Zeit noch auf freiwilliger Basis- in Südkorea bereits Realität. Kenner betonen, dass vorschnelle und vereinfachende Vergleiche mit dem Westen zumeist hinken. Steigende Onlinesucht und Vorfälle von organisiertem Mobbing in sozialen Netzwerken sind letztendlich das Resultat der fast unbegrenzten Freiheiten des Internet, und aus Fehlentwicklungen resultierende Einschränkungen sind im demokratischen Korea als Beispiele von freiwilliger Selbstzensur zu werten, die es mit einiger Wahrscheinlichkeit irgendwann auch im Westen geben könnte.