1917 bis 1990 Hauptstadtinszenierungen in Zentralasien Das politische Zentrum Moskau übte seit der Gründung der Sowjetunion in den 20er Jahren großen politischen Einfluss auf Zentralasien aus, der sich in der nationalen Architekturentwicklung widerspiegelte. Im Mittelpunkt standen dabei folgende Ziele: Schaffung würdiger Architektur für den neuen sowjetischen Menschen, Beseitigung der Gegensätze und wesentlichen Unterschiede zwischen Stadt und Land, Ausgleich der Disproportion in der Wirtschaftsentwicklung der einzelnen Landesgebiete,Beseitigung des Klassencharakters in städtischen Wohngebieten. Die Auflösung der Städte in weitläufige Boulevards und kilometerlange Straßen und Alleen (z.B. Karaganda), massive Eingriffe in die bestehende Bausubstanz historischer Stadtkerne (z.B. Taschkent), die Entstehung großzügig konzipierter repräsentativer Gebäude sowie die Schaffung neuer Städte und Industriezentren in der Steppe (z.B. Aktjubinsk, Kzyl Orda, Karaganda) kennzeichnen diese Architekturepoche. Die weitläufigen Magistralen wurden genutzt, um die Städte zu inszenieren, Miltitärparaden abzuhalten o.ä. Das durch ein Erdbeben 1966 zerstörte Taschkent wurde zum Versuchsprojekt, moderne sozialistische Utopie in einer historisch gewachsenen Stadt umzusetzen mittels großzügigem Wiederaufbau des Zentrums mit breiten Straßen, der Metro, der Oper, den Konzerthäusern, Staatszirkus und Kuppelbauten des großen Basars. Auffällig ist hierbei der Versuch die durch Parteidogmen beeinflusste sowjetische Architektursprache mit Symbolen der zaristischen Stilepoche zu legitimieren. Neben der endgültigen Beseitigung der Gegensätze zwischen Stadt und Land bewirkten die neuen Industriestandorte Zentralasiens (1932-1956) die Entstehung sowjetisch geprägter Stadtviertel, die sich vielfach mit den ortsgebundenen Traditionen durchdrang (z.B. Buchara, Taschkent, Samarkand, Almaty, Aschgabat, Bischkek, Duschanbe). Die schnelle Entwicklung dieser Industriezentren forderte eine rasante Entwicklung im Wohnungsbau. Somit entwickelte sich das industrielle Bauen weiter und zahlreiche Wohngebiete entstanden in Großtafelbauweise in der gesamten Sowjetunion. Sie sind geprägt von gleichförmigen, mehrstöckigen Schachtelhäusern aus einheitlichen Betonplatten, deren Formensprache der industriellen Technologie untergeordnet wurde. Dagegen wurde in Zentralasien (z.B. Taschkent) immer wieder der erfolgreiche Versuch unternommen industrielle Bauweise mit nationaler Formensprache wie floralen und geometrischen Elementen der islamischen Baukunst auf ästhetisch anspruchsvolle Art zu kombinieren. Zentralasiens Architektur entwickelte sich in sowjetischer Zeit ähnlich, wie in Europa. Die Industrialisierung forderte Gebäude für Arbeit und Wohnen in Massen. Nicht die Kunst im traditionellen Sinne mit Symbolik und adaptierenden Formen bestimmte die Architektur, sondern reine Funktionsgebäude für das Arbeiten im industriellen Baustil sowie scheibenförmige Wohnhochhäuser in neuer technischer und ästhetischer Durchbildung (z.B. Warenhaus Schocken von E. Mendelsohn in Stuttgart 1926-28; Hochhausprojekt von W. Gropius 1929). |