Bishkek - Städtebau: Hauptstadtinszenierungen Bishkek misst in seiner Nord-Süd-Achse 23km und in seiner Ost-West-Achse 17km, das eigentliche Zentrum erstreckt sich zwischen dem großen Tschukanal im Norden, der Bahnlinie im Süden und zwei Flüssen im Westen und im Osten. Die Innenstadt ist durch ein größtenteils regelmäßiges, strenges Raster charakterisiert mit meist rechteckigen Grundstücken, die durch von Nord nach Süd und durch von Ost nach West angelegte Strassen gebildet werden. In der südlichen Innenstadt finden sich die Ministerien, Botschaften und die meisten Denkmäler. Diese schachbrettartige Struktur ist noch aus dem 19. Jahrhundert, als Bishkek als ein Typus einer russischen Idealstadt geplant und angelegt wurde. Sie steht damit in starken Kontrast zu dem orientalischen Typus einer Stadt, wie sie in vielen zentralasiatischen vorzufinden ist. In Bishkek wurden die Grundstücke fast immer mit Solitären bebaut, ohne dass zwischen den Bautypen eine Hierarchisierung stattgefunden hat: öffentliche Bauten, Repräsentativbauten wie auch der Wohnungsbau stehen alle als Solitär/bzw. Solitärzeile auf dem Grundstück. Die Schopokowastrasse zum Beispiel besteht beinahe vollständig aus eingeschossigen Ein-Familienhäusern. Die Sowjetskajastrasse dagegen, eine Parallelstrasse, besteht größtenteils aus mehrgeschossigen Bauten verschiedener Funktionen. Eine Blockrandbebauung wie man sie beispielsweise aus Berlin oder anderen europäischen Hauptstädten kennt, ist nie realisiert worden, weder zu zaristischer, noch zu sowjetischer oder postsowjetischer Zeit. Bishkek ist in ihrer Textur eine Vielzahl von Objekten, welche die städtische Fläche füllen, Gebäude, die aus dem Inneren heraus geplant und entwickelt wurden, mit einen gestalteten Grünbereich um sie herum. Sie wirken wie Torten auf Präsentiertellern und schaffen es selten, Raum zu bilden oder städtebauliche Bezüge zu ihrer Umgebung aufzubauen. Die Strassen sind so großzügig und breit angelegt (mit einer Breite bis zu teilweise 100 Meter), das sie den solitären Charakter dieser Stadttextur eher noch verstärkt. Über einen standardisierten, öffentlichen Massenwohnungsbau, wie er mit der klassischen Moderne postuliert, und auch in vielen sowjetrussischen Großstädten realisiert wurde, fehlen uns ausreichende Informationen. Bishkeks erster Plattenbau wurde in den 1960er Jahren realisiert. Die Plattenbauten stehen meist als Zeilenbaugruppen am Stadtrand und sind nicht besonders ausgestaltet bezüglich ihrer Fassadengestaltung, wie z.b. in Tashkent. Die Grüngestaltung spielt eine wichtige Rolle in Bishkek. Nicht nur die Bauten sind gärtnerisch eingefasst, sondern auch die Strassen sind teilweise mit 20 Reihen verschiedener Baumarten bepflanzt. Bishkek ist eine sehr grüne Hauptstadt (Es kommen 100 m² Grün auf jeden Einwohner) und es scheint, dass diese grüne Textur die eigentliche Masse der Stadt ausmacht im Gegensatz zu ihren Bauten. Fast alle Ein-Familien-Haus-Siedlungen versinken im Grün ihrer großflächigen Gärten. Die Struktur Bishkeks kam der sowjetischen Stadtplanung sehr entgegen, da sich die Bebauung dieser Zeit harmonisch in das Raster einfügt, wie schon die neoklassizistischen Bauten aus der Zarenzeit. Dieses Raster eignete sich perfekt für die gebaute Repräsentation der sowjetsozialistischen Politik. Mit der Unabhängigkeit Kirgistans hat sich nicht viel verändert. Es gibt weder seitens des Präsidenten, noch seitens der Bevölkerung das Bedürfnis nach einer Inszenierung ihrer Hauptstadt. Die neuerstellten Gebäude führen die Tradition des gebauten Objektes auf der rechteckigen Fläche fort. Es gibt keine Monumente eines sich selbst verherrlichenden Herrschenden oder Pläne für monumentale Symbolbauten einer "neuen" unabhängigen Hauptstadt, wie in vielen anderen zentralasiatischen Hauptstädten. Das Potential Bishkeks hinsichtlich ihrer Entwicklung scheint darin zu liegen, dass es keine staatliche oder diktatorisch durchgesetzte Stadtplanung gibt und sie genau diese "demokratische" Freiheit und Zeit nutzten könnte, um zu einer vielfältigen Architektur- und Städtebausprache zu finden. Städtebauliche Entwicklung: Bishkek hat drei wesentliche Phasen der Stadtentwicklung vollzogen, die sich in die erste Phase von der Okkupation durch das russische Reich 1876 bis zur Oktoberrevolution 1917, die zweite Phase der sowjetischen Periode bis zur Unabhängigkeit 1991 und in die dritte Phase seit der Unabhängigkeit grob unterteilen lassen. Nachdem 1877 ein russischer Generalplan für die Stadt Pishpek entworfen wurde, zwingt Russland die Kirgisen, ihr Nomadentum aufzugeben und sesshaft zu werden. Im Rahmen der Russifizierung entsteht als Pendant zur Moschee, eines der ältesten Gebäude Bishkeks von 1886, eine russisch-orthodoxe Kirche. 1926 wird Pishpek in Frunse umgenannt und zur Hauptstadt der neu gegründeten autonomen kirgisischen Republik ASSR. Um diesem Status gerecht zu werden, plant man Museen, Kulturbauten und Ministerien, welche im großzügigen schachbrettmusterartigem Stadtgrundriss frei als Solitäre inmitten von Parks angeordnet sind und Frunse den Charakter einer Art sozialistischen Idealstadt verleihen. Im Zuge der Umwandlung der Hauptstadt Kirgisiens in eines der größten Industrie-, Verwaltungs- und Kulturzentren des sowjetischen Ostens entsteht eine ganze Reihe meist neoklassizistischer Gebäude. Hauptstadtinszenierungen durch Regierungs-, Kultur- und Verwaltungsbauten Wohnungsbau: Nach behelfsmäßigen Baracken entstand 1927-32 eine kreisrunde Arbeitersiedlung als Teil des ersten Fünfjahresplans der kirgisischen SSR. Seit 1926 bis 1984 vergrößerte sich der Wohnraumfonds ums 29-fache durch enormen Bevölkerungsanstieg erzeugt durch die sowjetische Zwangsansiedlung mittels der Landreformen. Von 1951-1984 erfuhr der sowjetische Wohnungsbaus eine Blütezeit mit der Schaffung von 4 Mio m² Wohnfläche.1964 ist Beginn der industriellen Wohnungsbauweise - das erste Großplattenhaus entsteht. Die Uliza Sowjetskaja wird schnell die sogenannte "Strasse der Neubauten", weitere Straßenzüge folgen. Bis zur Unabhängigkeit Bishkeks werden Wohnungsbauten in Großplattenbauweise erstellt. Mit der Unabhängigkeit kam die Möglichkeit, Land zu besitzen - auch wenn sich dieses durch die geringen Löhne kaum realisieren lässt. Durch die soziale Aufspaltung der Gesellschaft entstanden am südlichen Stadtrand auch frei finanzierte Wohnviertel mit Wohnflächen bis zu 1.200 m², wie z.B. das sogenannte Zarendorf "Zarskoe selo", aber der private Wohnungsbau wird im ganzen noch auf sich warten lassen. Unabhängigkeit - weiter wie bisher? - Mit dem Ende der Sowjetrepublik kam es zum Zusammenbruch der Planwirtschaft (300 Grossbetriebe sind betroffen) und der staatlichen Versorgung von Kraftstoffen. Das Ausbleiben von Großaufträgen führte auch zum Stillstand im Baugewerbe. Mit der Gründung eigener Gewerbe und Kleinhändler kam der erste Schritt in die Marktwirtschaft, öffentliche Räume wie Strassen werden aus Mangel an Geschäftsräumen als Verkaufsflächen genutzt, z.T. wird aus Lkws heraus Benzin verkauft. Das Umnutzen von Erdgeschossbereichen der Wohnhäuser durch wintergartenähnliche Erweiterungsbauten zu neuen Verkaufsflächen führt zur Bildung von Spontanbasaren, Supermärkten, Einkaufszentren und Imbissbuden. Das Bauen von Tankstellen sind erste Großprojekte, da kein Geld für repräsentative Bauten vorhanden ist.Lenin bleibt stehen! Eine Zerstörung der Monumente aus der sowjetischen Ära fand nicht statt, welches zum einen von der Toleranz der Kirgisen zeugt aber auch aufzeigt, dass in denselben Gremien, die den Bau der Monumente damals bestimmten, noch heute in gleicher Besetzung über den (Nicht-)Abriss dieser bestimmt wird. Vereinzelte Neubauprojekte sind Hotel Dostuk (1992, 2001 renoviert) und Hotel Pinara von 1995 - beide sind von sowjetischer Hand schon vor der Unabhängigkeit geplant und jetzt auch nach diesen alten Plänen ausgeführt worden. Das Hotel Kyrgysstan, ein siebenstöckiges Hotel von 1971 wurde komplett umgebaut zum 5-Sterne Hotel Hyatt . Ein erstes privat finanziertes Objekt ist das Galaxy Bowling Centre, welches 1999 von Sergej Burow in auffälliger Pyramidenform entworfen und neben dem Hyatt gebaut wurde. Der aufwendigste Neu- und auch nicht Zweckbau ist der Manas Ehrenpark: 1995 von der kirgisischen Republik zum 1.000sten Geburtstag des Volkshelden Manas in den südlichen Vororten Bishkeks nach dem Entwurf von Duischen Omuraliew erbaut, demonstriert er islamische Tradition mit kirgisischem Symbolismus, der alle Stämme Kirgisiens vereinigen und die Integrität der kirgisischen Kultur bewahren soll: Jurte, Pferde, Krieger, Sterne, Flaggen aus Marmor, Beton und Stahl bilden Bühnen, Treppen und Türme einer Märchenwelt. |