Aschgabat - Hauptstadtinszenierungen in Zentralasien Geschichte: Turkmenistan ist eines der ältesten Länder der ehemaligen UdSSR, über mehrere Jahrtausende löste in dieser Region eine Kultur die andere ab. Die ländlichen und städtischen Zivilisationen wurden regelmäßig von Nomaden bedrängt und gingen nach deren Einfällen unter. Viele verschiedene Herrschaften sind durch das Land gezogen, meist auf der Durchreise entlang der Seidenstrasse hin zu reicheren Gegenden. Turkmenistan hatte vorwiegend strategische Bedeutung, das Land selbst war jedoch aufgrund des harschen Klimas nur von geringem Interesse. Frühe Siedlungsformen datieren zurück bis zur Zeit Alexander des Großen. Verschiedene pferdezüchtende Nomadenstämme bilden bis heute das gesellschaftliche Fundament, über 100 verschiedene Stämme aufgespalten in verschiedene Clans verhindern die Ausbildung eines einheitlichen Nationalstaats. Konflikt mit Rußland: Nach andauernden Konflikten kommt es 1881 zu einer Offensive des zaristischen Russlands unter dem General Mikhail Dmitrievich Skobelev. Das Fort Geok-Tepe wurde mit überlegenen Waffen gestürmt und 7.000 Turkmenen massakriert. Weitere 8.000 wurden in die Wüste verfolgt und ermordet. 1894 war die ganze transkaspische Region besetzt, Ashgabat wurde Verwaltungshauptstadt. In der Schlacht um Geok-Tepe wird die Wurzel des turkmenischen Nationalbewusstseins gesehen. Die russischen Besatzer begonnen 1881 mit dem Bau einer Eisenbahn in Krasnovosk (Turkmenbashi). Diese führte via Ashgabat und Merv bis nach Charjou (heute Turkmenabat) und den Amu-Darya (1886). Die Bolschewiki gründeten nach einem Übergangsstatus 1924 die Turkmenische SSR. Nomadenstämme zeigten erbitterten Widerstand gegen die Bestrebungen, die Landwirtschaft zu kollektivieren und die Stämme an einem Ort anzusiedeln. 1920 begann die Ankunft russischer Immigranten, um die Modernisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft durchzuführen. Bis 1936 flohen mehr als 1 Mio. Turkmenen in die Karakum-Wüste oder ins benachbarte Iran oder Afghanistan. Von den 441 Moscheen im Jahren verblieben 1941 nur noch fünf. Erdöl: Mit der regelmäßigen Förderung der Erdölvorkommen wird erst 1933 begonnen. Bis in die 70er Jahre wird die Fördermenge kontinuierlich gesteigert. Zudem werden riesiger Erdgasvorkommen entdeckt, nach Russland weltweit auf Platz 2. Wegen Konflikten mit den Hauptabnehmern der GUS Staaten, die geliefertes Gas nicht bezahlen können sinkt das Exportvolumen kontinuierlich seit 1989. Neue Pipelines durch den Iran oder die Türkei sollen zukünftigen Wohlstand sichern. Diese zur Zeit ausbleibenden Einnahmen werden bei der Hauptstadtplanung einkalkuliert und versinnbildlichen den Widerspruch zwischen gebautem Prunk und völlig verarmter Bevölkerung. Wasserproblematik: Mit Wasser wird die Oasenstadt Ashgabat ausschliesslich über den Karakumkanal versorgt, der mit über 1.500km der längste der Welt ist. 70% des Wassers verdunstet oder versickert - Seen und Sümpfe entstehen ungeplant noch Kilometer entfernt in der Wüste. Zudem befindet sich in Ashgabat der größte Springbrunnen sowie die längste Treppe der Welt, im Teppichmuseum befinden sich die beiden größten handgeknüpften Teppiche der Welt ("Land der Superlative"). Der Spezialisierung der turkmenischen Landwirtschaft auf den Baumwollanbau folgt eine ökologische Katastrophe, sowie eine hohe Krankheitsrate der Bevölkerung. Trinkwasser und Grundwasser sind verseucht, nur 1/5 der Turkmenen haben Zugang zu fließendem Wasser. An einen sparsamen Umgang mit Wasser ist in Ashgabat jedoch nicht zu denken. Selbst in Neubauten ist der Einbau von Wasserzählern noch keine Pflicht. Zudem stehen Wasser, Gas und Elektrizität den Turkmenen kostenlos zur Verfügung. "Wasser ist von Gott gegeben - deshalb sollte es auch für alle kostenlos zur Verfügung stehen" (Präsident Niyasov). Niyasov will die Hauptstadt in ein "Königreich der Brunnen" verwandeln. Stammesherrschaften und Feudalsystem seien überwunden, eine einheitliche Nation geboren. Erdölfelder werden erschlossen, 30 Bohrinseln gebaut, Gaslagerstätten erschlossen, das Land bekommt eine Infrastruktur - Straßen, Elektrizitätsleitungen, Wasser- und Gasleitungen. Nach der Unabhängigkeitserklärung hingegen wird das Kapital der russischen Okkupation weitgehend annulliert. Architektur vor 1948: An die Zeit vor 1948 erinnern nur wenige Gebäude. Das einzige nach dem Fall des Kommunismus verbleibende Denkmal Lenins (von ehemals 56) stellt eine interessante Verknüpfung sowjetisch geprägter, klarer kubischer, an den Konstruktivismus angelehnter Bauformen und nationaler turkmenischer Symbolkraft dar, in Gestalt der gefliesten traditionellen Teppichmustern. Architektur nach 1948: Nach dem Erdbeben am 6.10.1948 wurden 50% der Gebäude zerstört und ein Drittel der Bevölkerung stirbt. Volodja Flipchenko wurde zum Chefarchitekten Ashgabats für den Wiederaufbau ernannt, um die Stadt an gleicher Stelle wieder aufzubauen. In sowjetisch großzügiger Manier werden neue Wohngebiete außerhalb der Stadt am Fuße des Kopet-Dag errichtet, mit vier- und achtstöckigen erdbebensicheren Gebäuden. Die Bebauungsdichte ist dabei um etwa 20-30 Prozent niedriger als in der gemäßigten Zone der Sowjetunion. In großzügiger Manier werden viele Plätze, ein riesiger Zentralpark geplant, zu beiden Seiten des Karakum-Kanals wird sich ein 500m breiter grüner Schutzgürtel erheben. Eine waldähnliche Parkzone umgibt die Stadt, um sie vor der Wüste zu schützen. Auf gegenwärtigen Luftbildern ist das Stadtbild nach wie vor dominiert von weitläufigen Plattenbausiedlungen, in dem der größte Teil der Bevölkerung wohnt. Es gibt zwei Kategorien der sowjetischen Architektur in Ashgabat. Auf der einen Seite gibt es die Gebäude, die Elemente aus der islamischen Typologie, wie Ornament, Mosaik und Spitzbogen aufnehmen - weitgehend in den fünfziger Jahren errichtet, wie die Universität, das Theater oder das Teppichmuseum. Die Planung wurde von Moskau unabhängig ausgeführt. Die Markthalle, der Zirkus und die Musikschule sind auf der anderen Seite Beispiele für einen unabhängig vom Ort funktionierenden internationalen Stil. Sie zeigen lesbare Strukturen aus Stahlbeton. Die zwei ersten modernen Hotels, "Ashgabat" und "Tourist" im Zentrum sind ebenfalls repräsentativ für moderne Architektur der siebziger Jahre. Das luxuriöse Hotel "Ashgabat" ist aus Betonfertigteilen gebaut und zeigt alle typischen aus der Moderne bekannten Betonelemente und ist aufwendig mit Grünflächen, Fontänen und Skulpturen inszeniert. Staatsbibliothek Karl Marx: Exemplarisch für die russische Zeit soll hier die Karl-Marx-Bibliothek vorgestellt werden, 1975 von dem Architekten A. Achmedow, dem Bauingenieur S. Saparow und dem Leiter der Komplexbrigade M. Danieljanu errichtet, und mit dem Staatspreis der UdSSR ausgezeichnet. Das auf einer Fläche von 70 x 90m in Anlehnung an die turkmenische Tradition flache, an den Erdboden gedrückte, dreistöckige Gebäude erscheint in sowjetisch funktionaler Großzügigkeit als Zentrum Ashgabats. Achmedow gelingt es mittels Rampen einen einheitlichen, fließenden Raum zu schaffen, Tradition herzustellen. Je tiefer der Besucher in die Innenräume eindringt, desto stärker die Verknüpfung mit traditionellen Formen und Motiven, die der einheimischen Juwelierkunst zu entspringen scheinen. Der riesige Bibliotheksraum entspricht schliesslich einer von der Aussenwelt getrennten einheitlichen, geschlossenen Welt. Die Karl-Marx Bibliothek wurde in den 90er Jahren in Nationalbibliothek Turkmenistan umbenannt. Die Fassade bekam eine Marmorverkleidung und wurde somit in das neue Hauptstadtbild eingepasst. Inszenierung von Macht und Zukunftsvisionen seit 1991: Seit der Unabhängigkeit Turkmenistans ist der Präsident Sapamurat Nijasov im Amt. Er hält praktisch alle legislative und exekutive Macht in seinen Händen und wurde kürzlich auf Lebenszeit zum Präsidenten gewählt. Auf diese Weise hat ein absolutistisches System das andere abgelöst, das nun sich selbst und seine Ansprüche inszeniert. Diese Inszenierung geschieht vorwiegend durch bauliche Tätigkeit und lässt sich darum an den Städten, vor allem natürlich an Ashgabat ablesen. Die Hauptstadt verändert sich dabei rasend schnell. Die Stadtplanung liegt im persönlichen Interesse des Präsidenten und wird von ihm beaufsichtigt, neue Gebäude werden von ihm eingeweiht. Eine private Bauwirtschaft existiert nicht, alle Aktivität gehen von Staat aus, der gegebenenfalls ausländische Unternehmen beauftragt. Nijasov lässt sich von der französische Firma Bouygues ein neues Regierungsviertel bauen, neben dem Präsidentenpalast und einem Kongresszentrum weitere Gebäude, die sich um den Neutralitätsplatz anordnen. Kennzeichen des Ensembles sind zahlreiche goldenen oder türkisblaue Kuppeln, edle Fassadenmaterialien vorwiegend aus weissem Marmor. Die Inneneinrichtung ist mit Tapeten und Teppichen mit orientalischen Mustern reich ausgestattet. Die öffentlichen Räume sind überall mit italienischem, weissen Marmor ausgestattet und aufwendig mit Brunnenanlagen und gepflegten Grünflächen - geometrisch und ohne Blumen - inszeniert und werden nachts illuminiert. Es werden bei der Hauptstadtinszenierung mehrere Ziele verfolgt. Zum einen geht es um einen Persönlichkeitskult und eine Machtdemonstration des Präsidenten. Nijasov, der sich Turkmenbashi, Führer aller Turkmenen, nennen lässt, ist überall im Stadtraum präsent. Sein Portrait hängt über jedem Gebäudeeingang, vom Parlament bis zu den Plattenbauten. Jeder öffentliche Platz ist darüber hinaus mit einer goldenen Statue des Autokraten besetzt, meist mit großen Brunnenanlagen verbunden ( z. B. auf dem Unabhängigkeitsplatz). Den Aussichtsturm auf dem Platz der Neutralität krönt eine dieser Figuren, die sich mit weit ausgebreiteten Armen am Tag einmal um sich selbst dreht. Die Anlage der Stadt zeigt den gleichen Herrschaftsanspruch wie diese allumfassende Geste. In ihrer Mitte wurden Anfang der neunziger Jahre weiträumig Wohnplattenbauten abgerissen um dort den neuen Präsidentenpalast bauen zu können, der nun das neue Zentrum bildet. Entlang der Straßenachse, die hinaus in die Berge und zum Sommersitz des Präsidenten führt, entsteht ein neues Quartier aus Luxuswohnungen und Hotels, so dass man an monarchische Stadtgrundrisse erinnert wird, in denen diese Achse eine besondere Betonung erfuhr. Ein weiteres Ziel der Hauptstadtinszenierung liegt darin, das turkmenisches Nationalbewusstsein zu stärken. In dem neuen Staat, der bislang entweder durch Stammeszugehörigkeiten oder durch russische Fremdherrschaft bestimmt wurde, mangelt es heute an nationaler Identität. Um diese herzustellen werden Bilder einer 5.000 Jahre alten Kultur heraufbeschworen, deren bauliche Überreste aus ein paar Wehrmauern bestehen. Um einen nationalen Baustil zu entwickeln und die Kontinuität eines solchen vorzutäuschen, muss auf andere Traditionen zurückgegriffen werden. So bedient man sich der Ornamentik der Teppichknüpftraditionen oder importiert Bauelemente, Bögen, Kuppeln und Säulen, aus anderen islamischen Kulturen, um die neuen Gebäude damit zu dekorieren. Neben dem Rückgriff auf längst vergangene Kulturen sollen auch Zukunftsvisionen ein nationales Bewusstsein erzeugen. Das an Öl- und Gasvorkommen reiche Land hat sich die arabischen Ölstaaten wie Kuwait und Dubai zum Vorbild genommen und hofft deren Entwicklung nachzuahmen. Noch ist die Realität weit entfernt davon. Die Wirtschaft, komplett in staatlicher Hand, liegt brach. Armut, Arbeitslosigkeit und geringe Lebensstandards bestimmen das Leben. Die rege Bautätigkeit soll wirtschaftlichen Aufschwung demonstrieren und über den Stillstand hinwegtäuschen. Ziel ist es, Ashgabat in eine internationale Metropole zu verwandeln, mit Luxuswohnungen, Bürokomplexen und Hotels. So richten sich die Maßnahmen nicht an die Bevölkerung der Stadt, sondern an ein imaginäres, internationales und wohlhabendes Publikum. Die derzeitige Inszenierung unterscheidet sich in ihrer Überdimensionierung und ihrer Machtdarstellung nicht von der in sowjetischer Zeit. |